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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Justinus Christian Andreas Kerner (Schattenspieler Luchs)

Der Wassermann

Es war in des Maien mildem Glanz
Da hielten die Jungfern von Tübingen Tanz.
Sie tanzten und tanzten wohl allzumal
Um eine Linde im grünen Tal.
5 Ein fremder Jüngling in stolzem Kleid
Sich wandte bald zu der schönsten Maid;
Er reichte ihr dar die Hände zum Tanz,
Er setzt ihr aufs Haar einen meergrünen Kranz.
O Jüngling! warum ist so kalt dein Arm?
10 »In Neckars Tiefen da ist's nicht warm.«
O Jüngling! warum ist so bleich deine Hand?
»Ins Wasser dringt nicht der Sonne Brand!«
Er tanzt mit ihr von der Linde weit;
Laß, Jüngling! horch, die Mutter schreit!
15 Er tanzt mit ihr den Neckar entlang;
Laß, Jüngling! weh! mir wird so bang!
Er faßt sie fest um den schlanken Leib:
»Schön Maid! du bist des Wassermanns Weib!«
Er tanzt mit ihr in die Wellen hinein:
20 O Vater und du, o Mutter mein!
Er führt sie in einen kristallenen Saal.
Ade, ihr Schwestern im grünen Tal!





Entstehungsjahr: vor 1812
Erscheinungsjahr: 1811
Aus: Die lyrischen Gedichte
Referenzausgabe:
Josef Gaismaier: Justinus Kerners sämtliche poetische Werke, Bd. 1. Hesse & Becker Verlag: 1905, S. 130-131.
Bemerkungen
Das Gedicht wurde in der Erstausgabe »Die Reiseschatten«, 1811 unter dem Pseudonym "Schattenspieler Lux" erstveröffentlicht.
Der Herausgeber gibt an, dass der Stoff des Gedichtes auch in den »Deutschen Sagen« der Gebüder Grimm, 1816, Bd. I. S. 58 aufgenommen ist. Richtig aber ist: Die Sage »Tanz mit dem Wassermann« ist in den »Deutschen Sagen« der Gebüder Grimm, 1816, Bd. I S. 66 (Nr. 51) abgedruckt.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.