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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Ludwig Tieck

Herbstlied

Feldeinwärts flog ein Vögelein,
Und sang im muntern Sonnenschein
Mit süßem wunderbarem Ton:
Ade! ich fliege nun davon,
5         Weit! weit!
    Reis' ich noch heut.
Ich horchte auf den Feldgesang,
Mir ward so wohl und doch so bang
Mit frohem Schmerz, mit trüber Lust
10 Stieg wechselnd bald und sank die Brust:
        Herz! Herz!
    Brichst du vor Wonn' oder Schmerz?
Doch als ich Blätter fallen sah,
Da sagt ich: Ach! der Herbst ist da,
15 Der Sommergast, die Schwalbe, zieht,
Vielleicht so Lieb und Sehnsucht flieht,
        Weit! weit!
    Rasch mit der Zeit.
Doch rückwärts kam der Sonnenschein,
20 Dicht zu mir drauf das Vögelein,
Es sah mein tränend Angesicht
Und sang: die Liebe wintert nicht,
        Nein! nein!
    Ist und bleibt Frühlingesschein.





Entstehungsjahr: 1796
Erscheinungsjahr: 1799
Aus: Gedichte. Neue Ausgabe 1841 / Erstes Buch 1793-1799
Referenzausgabe:
Ruprecht Wimmer: Ludwig Tieck. Schriften in zwölf Bänden, Bd. 7. Deutscher Klassiker Verlag: 1995, S. 27-28.
Bemerkungen
Später in »Prinz Zerbino«

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.