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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß
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Conrad Ferdinand Meyer

Einer Toten

Wie fühl ich heute deine Macht,
Als ob sich deine Wimper schatte
Vor mir auf diesem ampelhellen Blatte
Um Mitternacht!
5 Dein Auge sieht
Begierig mein entstehend Lied.
Dein Wesen neigt sich meinem zu,
Du bist's! Doch deine Lippen schweigen,
Und liesest du ein Wort, das zart und eigen,
10 Bist's wieder du,
Dein Herzensblut,
Indes dein Staub im Grabe ruht.
Mir ist, wann mich dein Atem streift,
Der ich erstarkt an Kampf und Wunden,
15 Als seist in deinen stillen Grabesstunden
Auch du gereift
An Liebeskraft,
An Willen und an Leidenschaft.
Die Marmorurne setzten dir
20 Die Deinen – um dich zu vergessen,
Sie erbten, bauten, freiten unterdessen,
Du lebst in mir!
Wozu beweint?
Du lebst und fühlst mit mir vereint!





Entstehungsjahr: nach 1872
Erscheinungsjahr: 1874
Fassung: Späte
Aus: Gedichte von 1892 / V. Liebe
Referenzausgabe:
Hans Zeller, Alfred Zäch: Conrad Ferdinand Meyer. Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe, Bd. 1. Benteli-Verlag: 1963, S. 215.
Andere Fassungen in der Freiburger Anthologie:
Frühe Fassung: Einer Todten , entstanden nach 1872

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.