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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß
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Gottfried Keller

Die Zeit geht nicht

Die Zeit geht nicht, sie stehet still,
Wir ziehen durch sie hin;
Sie ist ein Karavanserai,
Wir sind die Pilger drin.
5 Ein Etwas, form- und farbenlos,
Das nur Gestalt gewinnt,
Wo ihr drin auf und nieder taucht,
Bis wieder ihr zerrinnt.
Es blitzt ein Tropfen Morgentau
10 Im Strahl des Sonnenlichts;
Ein Tag kann eine Perle sein
Und ein Jahrhundert nichts.
Es ist ein weißes Pergament
Die Zeit, und Jeder schreibt
15 Mit seinem roten Blut darauf
Bis ihn der Strom vertreibt.
An dich, du wunderbare Welt,
Du Schönheit ohne End',
Auch ich schreib' meinen Liebesbrief
20 Auf dieses Pergament.
Froh bin ich, daß ich aufgeblüht
In deinem runden Kranz;
Zum Dank trüb' ich die Quelle nicht
Und lobe deinen Glanz.





Entstehungsjahr: 1849
Erscheinungsjahr: 1888
Fassung: Späte
Aus: Gesammelte Gedichte von 1888 / VII. Sonnwende und Entsagen
Referenzausgabe:
Kai Kauffmann: Gottfried Keller. Gedichte, Bd. 1. Deutscher Klassiker Verlag: 1995, S. 511-512.
Andere Fassungen in der Freiburger Anthologie:
Frühe Fassung: Die Zeit geht nicht , entstanden 1849

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.