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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Matthias Claudius

Ein Lied
hinterm Ofen zu singen

Der Winter ist ein rechter Mann,
    Kernfest und auf die Dauer;
Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an,
    Und scheut nicht Süß noch Sauer.
5 War je ein Mann gesund, ist er's;
    Er krankt und kränkelt nimmer,
Weiß nichts von Nachtschweiß noch Vapeurs,
    Und schläft im kalten Zimmer.
Er zieht sein Hemd im Freien an,
10     Und läßt's vorher nicht wärmen;
Und spottet über Fluß im Zahn
    Und Kolik in Gedärmen.
Aus Blumen und aus Vogelsang
    Weiß er sich nichts zu machen,
15 Haßt warmen Drang und warmen Klang
    Und alle warme Sachen.
Doch wenn die Füchse bellen sehr,
    Wenn's Holz im Ofen knittert,
Und um den Ofen Knecht und Herr
20     Die Hände reibt und zittert;
Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht
    Und Teich' und Seen krachen;
Das klingt ihm gut, das haßt er nicht,
    Denn will er sich totlachen. –
25 Sein Schloß von Eis liegt ganz hinaus
    Beim Nordpol an dem Strande;
Doch hat er auch ein Sommerhaus
    Im lieben Schweizerlande.
Da ist er denn bald dort bald hier,
30     Gut Regiment zu führen.
Und wenn er durchzieht, stehen wir
    Und sehn ihn an und frieren.





Entstehungsjahr: vor 1784
Erscheinungsjahr: 1783
Aus: Asmus IV
Referenzausgabe:
Jost Perfahl: Matthias Claudius. Sämtliche Werke. Winkler-Verlag, München: 1976, S. 235-236.
Bemerkungen
Erstdruck wohl im »ASMUS omnia sua SECUM portans oder Sämtliche Werke des Wandsbecker Boten«, 1783, Teil IV, S. 141-142.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.