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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Friedrich Rückert (Reimar / Reimer)

O süße Mutter!

»O süße Mutter,
    Ich kann nicht spinnen,
    Ich kann nicht sitzen
    Im Stüblein innen
5     Im engen Haus;
    Es stockt das Rädchen
    Es reißt das Fädchen,
    O süße Mutter,
    Ich muß hinaus.
10 »Der Frühling zucket
    Hell durch die Scheiben;
    Wer kann nun sitzen,
    Wer kann nun bleiben
    Und fleißig sein?
15     O laß mich gehen
    Und laß mich sehen,
    Ob ich kann fliegen
    Wie Vögelein.
»O laß mich sehen,
20     O laß mich lauschen,
    Wo Lüftlein wehen,
    Wo Bächlein rauschen,
    Wo Blümlein blühn.
    Laß sie mich pflücken
25     Und schön mir schmücken
    Die braunen Locken
    Mit buntem Grün.
»Und kommen Knaben
    Im wilden Haufen;
30     So will ich traben,
    So will ich laufen,
    Nicht stille stehn;
    Will hinter Hecken
    Mich hier verstecken,
35     Bis sie mit Lärmen
    Vorübergehn.
»Bringt aber Blumen
    Ein frommer Knabe,
    Die ich zum Kranze
40     Just nötig habe;
    Was soll ich thun?
    Darf ich wohl nickend
    Ihm freundlich blickend,
    O süße Mutter,
45     Zur Seit' ihm ruhn?«





Entstehungsjahr: 1821-1840
Erscheinungsjahr: ?
Aus: / Liebesfrühling; Anhang. Lieder
Referenzausgabe:
Ludwig Laistner: Friedrich Rückerts Werke in sechs Bänden, Bd. 1. J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger G.m.b.H.: [1895], S. 219-220.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.