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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Friedrich Rückert (Reimar / Reimer)

Das versunkene Dorf

Es ist eine Wüstung gelegen,
    Ist Abermannsdorf genannt;
    Es heißt noch ein Dorf bis heute,
    Aber die ältesten Leute
5     Haben das Dorf nicht gekannt.
Es ist verschlungen worden,
    In den Erdboden hinein
    Ist es worden verschlungen
    Mit Alten und Jungen,
10     Mit Mann, Maus und Stein.
Kein Malzeichen ist blieben,
    Kein Trumm und keine Spur;
    Von den Häusern kein Gebälke;
    Von den Mauern kein Gekälke;
15     's ist ebene Wiesenflur.
Als Knab' hab' ich noch gesehen
    Von der Dorflind' einen Stumpf;
    Jetzt ist auch der versunken,
    Es hat wie mit Armen den Strunken
20     Gezogen hinab in den Sumpf.
Wenn man's Ohr legt auf den Boden,
    Höret man's drunten wohl,
    Wie die heimlichen Wasser brausen,
    Wie sie fressen mit Grausen
25     Den Boden unter uns hohl.
Wohl hat es auf der Erde
    Das Böse weit gebracht.
    Wenn sie wollt' alle Schande
    Verschlingen, wer im Lande
30     Wär' sicher bis Mitternacht?





Entstehungsjahr: 1811-1815
Erscheinungsjahr: ?
Aus: Volkssagen und Jugenderinnerungen / Aus den Jugendliedern 1811-1813
Referenzausgabe:
Ludwig Laistner: Friedrich Rückerts Werke in sechs Bänden, Bd. 2. J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger G.m.b.H.: [1895], S. 290-291.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.