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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Friedrich Rückert (Reimar / Reimer)

Der fehlende Schöppe

Zu Ebern hält man Hochgericht
    Ueber Leben und Blut;
    Zwölf Stühle sind zugericht
    Für die zwölf Schöppen gut.
5     Elfe sind gekommen,
    Han ihre Stühl' eingenommen.
Der zwölfte Stuhl bleibt unberührt,
    Niemand drauf sitzen darf;
    Denn der Schöppe, dem er gehört,
10     Ist aus Abermannsdorf;
    Aber Abermannsdorf ist versunken,
    Sein Schöpp' hält Gericht bei den Unken.
Da reitet von den elfen
    Ein Bot hinaus zu Roß,
15     Der den fehlenden zwölften
    Herein laden muß.
    Der Bot' b'hält ‘s Roß am Zügel,
    Den linken Fuß im Bügel.
Mit dem rechten Fuß dreimal
20     Stampft er auf den Grund,
    Und den Schöppen dreimal
    Ruft er mit lautem Mund:
    »Zu Ebern ist Schöppengericht,
    Schöppe, säume dich nicht!«
25 Da wird es unter der Erde laut
    Von furchtbarem Getos.
    Der Bot' nicht vor- noch rückwärts schaut,
    Sondern springt auf sein Roß;
    Und muß schnell fort sich machen,
30     Sonst verschlingt ihn der Erde Rachen.





Entstehungsjahr: 1811-1815
Erscheinungsjahr: ?
Aus: Volkssagen und Jugenderinnerungen / Aus den Jugendliedern 1811-1815
Referenzausgabe:
Ludwig Laistner: Friedrich Rückerts Werke in sechs Bänden, Bd. 2. J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger G.m.b.H.: [1895], S. 291.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.