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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Theodor Körner

Die Eichen
1810

Abend wird's, des Tages Stimmen schweigen,
    Röter stahlt der Sonne letztes Glühn;
Und hier sitz' ich unter euren Zweigen,
    Und das Herz ist mir so voll, so kühn.
5 Alter Zeiten alte, treue Zeugen,
    Schmückt euch doch des Lebens frisches Grün,
Und der Vorwelt kräftige Gestalten
Sind uns noch in eurer Pracht erhalten.
Viel des Edlen hat die Zeit zertrümmert,
10     Viel des Schönen starb den frühen Tod;
Durch die reichen Blätterkränze schimmert
    Seinen Abschied dort das Abendrot.
Doch um das Verhängnis unbekümmert,
    Hat vergebens euch die Zeit bedroht,
15 Und es ruft mir aus der Zweige Wehen:
Alles Große muß im Tod bestehen!
Und ihr habt bestanden! - Unter allen
    Grünt ihr frisch und kühn mit starkem Mut.
Wohl kein Pilger wird vorüberwallen,
20     Der in eurem Schatten nicht geruht;
Und wenn herbstlich eure Blätter fallen,
    Tot auch sind sie euch ein köstlich Gut;
Denn verwesend werden eure Kinder
Eurer nächsten Frühlingspracht Begründer.
25 Schönes Bild von alter deutscher Treue,
    Wie sie beßre Zeiten angeschaut,
Wo in freudig kühner Todesweihe
    Bürger ihre Staaten festgebaut. –
Ach, was hilft's, daß ich den Schmerz erneue?
30     Sind doch alle diesem Schmerz vertraut!
Deutsches Volk, du herrlichstes von allen,
Deine Eichen stehn, du bist gefallen!





Entstehungsjahr: 1810
Erscheinungsjahr: 1814
Aus: Gedichte / Leyer und Schwert
Referenzausgabe:
Augusta Weldler-Steinberg: Körners Werke in zwei Teilen, Bd. 1. Deutsches Verlagshaus Bong & Co.: [1908], S. 10-11.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.