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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Novalis (Friedrich von Hardenberg)

[Wenn ich ihn nur habe]

Wenn ich ihn nur habe,
Wenn er mein nur ist,
Wenn mein Herz bis hin zum Grabe
Seine Treue nie vergißt:
5 Weiß ich nichts von Leide,
Fühle nichts, als Andacht, Lieb und Freude.
Wenn ich ihn nur habe,
Laß ich alles gern,
Folg an meinem Wanderstabe
10 Treu gesinnt nur meinem Herrn;
Lasse still die andern
Breite, lichte, volle Straßen wandern.
Wenn ich ihn nur habe,
Schlaf ich fröhlich ein,
15 Ewig wird zu süßer Labe
Seines Herzens Flut mir sein,
Die mit sanftem Zwingen
Alles wird erweichen und durchdringen.
Wenn ich ihn nur habe,
20 Hab ich auch die Welt;
Selig, wie ein Himmelsknabe,
Der der Jungfrau Schleier hält.
Hingesenkt im Schauen
Kann mir vor dem Irdischen nicht grauen.
25 Wo ich ihn nur habe,
Ist mein Vaterland;
Und es fällt mir jede Gabe,
Wie ein Erbteil in die Hand:
Längst vermißte Brüder
30 Find ich nun in seinen Jüngern wieder.





Entstehungsjahr: 1799
Erscheinungsjahr: 1802
Aus: Das lyrische Werk. 1798-1799 / Geistliche Lieder 5
Referenzausgabe:
Gerhard Schulz: Novalis Werke. C. H. Beck Verlag: 3. Auflage 1987, S. 61-62.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.