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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Novalis (Friedrich von Hardenberg)

[Wenn alle untreu werden]

Wenn alle untreu werden,
So bleib ich dir doch treu;
Daß Dankbarkeit auf Erden
Nicht ausgestorben sei.
5 Für mich umfing dich Leiden,
Vergingst für mich in Schmerz;
Drum geb ich dir mit Freuden
Auf ewig dieses Herz.
Oft muß ich bitter weinen,
10 Daß du gestorben bist,
Und mancher von den Deinen
Dich lebenslang vergißt.
Von Liebe nur durchdrungen
Hast du so viel getan,
15 Und doch bist du verklungen,
Und keiner denkt daran.
Du stehst voll treuer Liebe
Noch immer jedem bei;
Und wenn dir keiner bliebe,
20 So bleibst du dennoch treu;
Die treuste Liebe sieget,
Am Ende fühlt man sie,
Weint bitterlich und schmieget
Sich kindlich an dein Knie.
25 Ich habe dich empfunden,
O! lasse nicht von mir;
Laß innig mich verbunden
Auf ewig sein mit dir.
Einst schauen meine Brüder
30 Auch wieder himmelwärts,
Und sinken liebend nieder,
Und fallen dir ans Herz.





Entstehungsjahr: 1799
Erscheinungsjahr: 1802
Aus: Das lyrische Werk. 1798-1799 / Geistliche Lieder 6
Referenzausgabe:
Gerhard Schulz: Novalis Werke. C. H. Beck Verlag: 3. Auflage 1987, S. 62-63.
Bemerkungen
Max von Schenkendorf (1783-1817) verwendet im Jahr 1814 Novalis’ Gedicht „Wenn alle untreu werden...“ für einen eigenen lyrischen Text, indem er von Novalis den ersten Vers wörtlich übernimmt und den zweiten Vers leicht, aber entscheidend verändert, um daran anschließend das vorgegebene Thema inhaltlich eigenständig weiterzuführen. Dieser vierstrophige Text zu je acht Versen und verfasst in dreifüßig-jambischem Metrum (alles so, wie es bei Novalis vorgegeben ist) wird bei Schenkendorf zu einem wesentlich antinapoleonisch ausgerich-teten deutschen Vaterlandslied, das durch seine Vertonung nach einer französischen Jagdweise („Pour aller à la chasse faut être matineux ...“, auch als „Volksweise“ aus dem Jahr 1724 allgemein bekannt) zu einem gängigen vaterländischen Volkslied wurde. Zur selben Melodie wurde übrigens auch Eichendorffs „Wanderlied der Prager Studenten“ (Nach Süden nun sich lenken / die Vöglein allzumal) aus seinem „Aus dem Leben eines Tauge-nichts“ (1817-1820) gesungen. Schenkendorfs Gedicht hat in der nachfolgenden Zeit eine Reihe von Veränderungen erfahren, die den Text immer mehr zu einem Bekenntnis zu nationaler Treue verwandelte. Die folgenden (willkürlich ausgewählten) Textfassungen (Schenkendorfs Originaltext, 1814 – Erste Veränderung in „Allgemeines Deutsches Kommers-buch, 1929 – Zweite Veränderung in „Uns geht die Sonne nicht unter / Lieder der Hitler Jugend“, 1934 – Dritte Veränderung im Internet über „Google“, 2006) verdeutlichen diesen Wandel.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.