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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Matthias Claudius

Die Geschichte von Goliath und David,
in Reime bracht

                        1
War einst ein Riese Goliath
    Gar ein gefährlich Mann!
Er hatte Tressen auf dem Hut
5     Mit einem Klunker dran,
    Und einen Rock von Drap d'argent
    Und alles so nach advenant.
                        2
An seinen Schnurrbart sah man nur
10     Mit Gräsen und mit Graus,
Und dabei sah er von Natur
    Pur wie der – aus.
    Sein Sarras war, man glaubt es kaum,
    So groß schier als ein Weberbaum.
15                         3
Er hatte Knochen wie ein Gaul,
    Und eine freche Stirn,
Und ein entsetzlich großes Maul,
    Und nur ein kleines Hirn;
20     Gab jedem einen Rippenstoß,
    Und flunkerte und prahlte groß.
                        4
So kam er alle Tage her,
    Und sprach Israel Hohn.
25 »Wer ist der Mann? Wer wagt's mit mir?
    Sei Vater oder Sohn,
    Er komme her der Lumpenhund,
    Ich bax 'n nieder auf den Grund.«
                        5
30 Da kam in seinem Schäferrock
    Ein Jüngling zart und fein;
Er hatte nichts als seinen Stock,
    Als Schleuder und den Stein,
    Und sprach: »Du hast viel Stolz und Wehr,
35     Ich komm im Namen Gottes her.«
                        6
Und damit schleudert' er auf ihn,
    Und traf die Stirne gar;
Da fiel der große Esel hin
40     So lang und dick er war.
    Und David haut' in guter Ruh
    Ihm nun den Kopf noch ab dazu.
Trau nicht auf deinen Tressenhut,
    Noch auf den Klunker dran!
45 Ein großes Maul es auch nicht tut:
    Das lern vom langen Mann;
    Und von dem kleinen lerne wohl:
    Wie man mit Ehren fechten soll.





Entstehungsjahr: vor 1779
Erscheinungsjahr: 1778
Aus: Asmus III
Referenzausgabe:
Jost Perfahl: Matthias Claudius. Sämtliche Werke. Winkler-Verlag, München: 1976, S. 166-169.
Bemerkungen
Erstdruck im »ASMUS omnia sua SECUM portans oder Sämtliche Werke des Wandsbecker Boten«, Teil 3, 1778.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.