|
Theodor Storm
Tiefe Schatten
|
|
So komme, was da kommen mag! |
|
Solang du lebest, ist es Tag; |
|
Und geht es in die Welt hinaus, |
|
Wo du mir bist, bin ich zu Haus. |
| 5 |
 |
Ich seh dein liebes Angesicht, |
|
Ich sehe die Schatten der Zukunft nicht. |
|
|
1 |
|
|
In der Gruft bei den alten Särgen |
|
Steht nun ein neuer Sarg, |
| 10 |
 |
Darin vor meiner Liebe |
|
Sich das süßeste Antlitz barg. |
|
|
Den schwarzen Deckel der Truhe |
|
Verhängen die Kränze ganz; |
|
Ein Kranz von Myrtenreisern, |
| 15 |
 |
Ein weißer Syringenkranz. |
|
|
Was noch vor wenig Tagen |
|
Im Wald die Sonne beschien, |
|
Das duftet nun hier unten: |
|
Maililien und Buchengrün. |
|
| 20 |
 |
Geschlossen sind die Steine, |
|
Nur oben ein Gitterlein; |
|
Es liegt die geliebte Tote |
|
Verlassen und allein. |
|
|
Vielleicht im Mondenlichte, |
| 25 |
 |
Wenn die Welt zur Ruhe ging, |
|
Summt noch um die weißen Blüten |
|
Ein dunkler Schmetterling. |
|
|
2 |
|
|
Mitunter weicht von meiner Brust, |
| 30 |
 |
Was sie bedrückt seit deinem Sterben; |
|
Es drängt mich, wie in Jugendlust, |
|
Noch einmal um das Glück zu werben. |
|
|
Doch frag' ich dann: was ist das Glück? |
|
So kann ich keine Antwort geben |
| 35 |
 |
Als die, daß du mir kämst zurück, |
|
Um so wie einst mit mir zu leben. |
|
|
Dann seh ich jenen Morgenschein, |
|
Da wir dich hin zur Gruft getragen; |
|
Und lautlos schlafen die Wünsche ein, |
| 40 |
 |
Und nicht mehr will ich das Glück erjagen. |
|
|
3 |
|
|
Gleich jenem Luftgespenst der Wüste |
|
Gaukelt vor mir |
|
Der Unsterblichkeitsgedanke; |
| 45 |
 |
Und in den bleichen Nebel der Ferne |
|
Täuscht er dein Bild. |
|
|
Markverzehrender Hauch der Sehnsucht, |
|
Betäubende Hoffnung befällt mich; |
|
Aber ich raffe mich auf, |
| 50 |
 |
Dir nach, dir nach; |
|
Jeder Tag, jeder Schritt ist zu dir. |
|
|
Doch, unerbittliches Licht dringt ein; |
|
Und vor mir dehnt es sich, |
|
Öde, voll Entsetzen der Einsamkeit; |
| 55 |
 |
Dort in der Ferne ahn' ich den Abgrund; |
|
Darin das Nichts. – |
|
|
Aber weiter und weiter |
|
Schlepp ich mich fort; |
|
Von Tag zu Tag, |
| 60 |
 |
Von Mond zu Mond, |
|
Von Jahr zu Jahr; |
|
Bis daß ich endlich, |
|
Erschöpft an Leben und Hoffnung, |
|
Werd' hinstürzen am Weg |
| 65 |
 |
Und die alte ewige Nacht |
|
Mich begräbt barmherzig, |
|
Samt allen Träumen der Sehnsucht. |
|
|
4 |
|
|
Weil ich ein Sänger bin, so frag' ich nicht, |
| 70 |
 |
Warum die Welt so still nun meinem Ohr; |
|
Die eine, die geliebte Stimme fehlt, |
|
Für die nur alles Andre war der Chor. |
|
|
5 |
|
|
Der Geier Schmerz flog nun davon, |
| 75 |
 |
Die Stätte, wo er saß, ist leer; |
|
Nur unten tief in meiner Brust |
|
Regt sich noch etwas, dumpf und schwer. |
|
|
Das ist die Sehnsucht, die mit Qual |
|
Um deine holde Nähe wirbt; |
| 80 |
 |
Doch, eh' sie noch das Herz erreicht, |
|
Mutlos die Flügel senkt und stirbt. |