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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Theodor Storm

Herbst

1
Schon in's Land der Pyramiden
Flohn die Störche über's Meer;
Schwalbenflug ist längst geschieden,
5 Auch die Lerche singt nicht mehr.
Seufzend in geheimer Klage
Streift der Wind das letzte Grün;
Und die süßen Sommertage,
Ach, sie sind dahin, dahin!
10 Nebel hat den Wald verschlungen,
Der dein stillstes Glück gesehn;
Ganz in Duft und Dämmerungen
Will die schöne Welt vergehn.
Nur noch einmal bricht die Sonne
15 Unaufhaltsam durch den Duft,
Und ein Strahl der alten Wonne
Rieselt über Tal und Kluft.
Und es leuchten Wald und Heide,
Daß man sicher glauben mag,
20 Hinter allem Winterleide
Lieg' ein ferner Frühlingstag.
2
Die Sense rauscht, die Ähre fällt,
Die Tiere räumen scheu das Feld,
25 Der Mensch begehrt die ganze Welt.
3
Und sind die Blumen abgeblüht,
So brecht der Äpfel goldne Bälle;
Hin ist die Zeit der Schwärmerei,
30 So schätzt nun endlich das Reelle!





Entstehungsjahr: 1845
Erscheinungsjahr: 1848
Aus: Gedichte / Erstes Buch
Referenzausgabe:
Dieter Lohmeier: Theodor Storm. Sämtliche Werke in vier Bänden, Bd. 1. Klassiker-Verlag: 1987, S. 52-53.
Bemerkungen
Bei dem Gedicht »Herbst« handelt es sich eigentlich um einen Zyklus »Herbst«, der aus drei Gedichten besteht. Nach den Einarbeitungsregeln der »Freiburger Anthologie« müssen wir diese drei Gedichte demnächst separat voneinander abbilden.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.