Zurück zur FA Hauptseite
Zurück zur vorigen Seite
Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Novalis (Friedrich von Hardenberg)

[Welcher Lebendige, Sinnbegabte]

Welcher Lebendige, Sinnbegabte, liebt nicht vor allen Wundererscheinungen des verbreiteten
Raums um ihn, das allerfreuliche Licht – mit seinen Farben, seinen Strahlen und Wogen;
seiner milden Allgegenwart, als weckender Tag. Wie des Lebens innerste Seele atmet es der
rastlosen Gestirne Riesenwelt, und schwimmt tanzend in seiner blauen Flut – atmet es der
5 funkelnde, ewigruhende Stein, die sinnige, saugende Pflanze, und das wilde, brennende,
vielgestaltete Tier – vor allen aber der herrliche Fremdling mit den sinnvollen Augen, dem
schwebenden Gange, und den zartgeschlossenen, tonreichen Lippen. Wie ein König der
irdischen Natur ruft es jede Kraft zu zahllosen Verwandlungen, knüpft und löst unendliche
Bündnisse, hängt sein himmlisches Bild jedem irdischen Wesen um. – Seine Gegenwart allein
10 offenbart die Wunderherrlichkeit der Reiche der Welt.
Abwärts wend ich mich zu der heiligen, unaussprechlichen, geheimnisvollen Nacht. Fernab
liegt die Welt – in eine tiefe Gruft versenkt – wüst und einsam ist ihre Stelle. In den Saiten der
Brust weht tiefe Wehmut. In Tautropfen will ich hinuntersinken und mit der Asche mich
vermischen. – Fernen der Erinnerung, Wünsche der Jugend, der Kindheit Träume, des ganzen
15 langen Lebens kurze Freuden und vergebliche Hoffnungen kommen in grauen Kleidern, wie
Abendnebel nach der Sonne Untergang. In andern Räumen schlug die lustigen Gezelte das
Licht auf. Sollte es nie zu seinen Kindern wiederkommen, die mit der Unschuld Glauben
seiner harren?
Was quillt auf einmal so ahndungsvoll unterm Herzen, und verschluckt der Wehmut weiche
20 Luft? Hast auch du ein Gefallen an uns, dunkle Nacht? Was hältst du unter deinem Mantel,
das mir unsichtbar kräftig an die Seele geht? Köstlicher Balsam träuft aus deiner Hand, aus
dem Bündel Mohn. Die schweren Flügel des Gemüts hebst du empor. Dunkel und
unaussprechlich fühlen wir uns bewegt – ein ernstes Antlitz seh ich froh erschrocken, das
sanft und andachtsvoll sich zu mir neigt, und unter unendlich verschlungenen Locken der
25 Mutter liebe Jugend zeigt. Wie arm und kindisch dünkt mir das Licht nun – wie erfreulich
und gesegnet des Tages Abschied – Also nur darum, weil die Nacht dir abwendig macht die
Dienenden, säetest du in des Raumes Weiten die leuchtenden Kugeln, zu verkünden deine
Allmacht – deine Wiederkehr – in den Zeiten deiner Entfernung. Himmlischer, als jene
blitzenden Sterne, dünken uns die unendlichen Augen, die die Nacht in uns geöffnet. Weiter
30 sehn sie, als die blässesten jener zahllosen Heere – unbedürftig des Lichts durchschaun sie die
Tiefen eines liebenden Gemüts – was einen höhern Raum mit unsäglicher Wollust füllt. Preis
der Weltkönigin, der hohen Verkündigerin heiliger Welten, der Pflegerin seliger Liebe – sie
sendet mir dich – zarte Geliebte – liebliche Sonne der Nacht, – nun wach ich – denn ich bin
Dein und Mein – du hast die Nacht mir zum Leben verkündet – mich zum Menschen gemacht
35 – zehre mit Geisterglut meinen Leib, daß ich luftig mit dir inniger mich mische und dann
ewig die Brautnacht währt.





Entstehungsjahr: 1799-1800
Erscheinungsjahr: 1800
Aus: / Hymnen an die Nacht 1
Referenzausgabe:
Gerhard Schulz: Novalis Werke. C. H. Beck Verlag: 3. Auflage 1987, S. 41-42.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.