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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Novalis (Friedrich von Hardenberg)

Muß immer der Morgen wiederkommen

Muß immer der Morgen wiederkommen? Endet nie des Irdischen Gewalt? unselige
Geschäftigkeit verzehrt den himmlischen Anflug der Nacht. Wird nie der Liebe geheimes
Opfer ewig brennen? Zugemessen ward dem Lichte seine Zeit; aber zeitlos und raumlos
ist der Nacht Herrschaft. – Ewig ist die Dauer des Schlafs. Heiliger Schlaf – beglücke zu
5 selten nicht der Nacht Geweihte in diesem irdischen Tagewerk. Nur die Toren verkennen
dich und wissen von keinem Schlafe, als dem Schatten, den du in jener Dämmerung der
wahrhaften Nacht mitleidig auf uns wirfst. Sie fühlen dich nicht in der goldnen Flut der
Trauben – in des Mandelbaums Wunderöl, und dem braunen Safte des Mohns. Sie wissen
nicht, daß du es bist der des zarten Mädchens Busen umschwebt und zum Himmel den Schoß
10 macht – ahnden nicht, daß aus alten Geschichten du himmelöffnend entgegentrittst und den
Schlüssel trägst zu den Wohnungen der Seligen, unendlicher Geheimnisse schweigender
Bote.





Entstehungsjahr: 1800
Erscheinungsjahr: 1800
Aus: / Hymnen an die Nacht 2
Referenzausgabe:
Gerhard Schulz: Novalis Werke. C. H. Beck Verlag: 3. Auflage 1987, S. 42-43.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.