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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Novalis (Friedrich von Hardenberg)

[Lobt doch unsre stillen Feste]

Lobt doch unsre stillen Feste,
Unsre Gärten, unsre Zimmer
Das bequeme Hausgeräte,
Unser Hab und Gut.
5 Täglich kommen neue Gäste
Diese früh, die andern späte
Auf den weiten Herden immer
Lodert frische Lebensglut.
Tausend zierliche Gefäße
10 Einst betaut mit tausend Tränen,
Goldne Ringe, Sporen, Schwerter
Sind in unserm Schatz.
Viel Kleinodien und Juwelen
Wissen wir in dunkeln Höhlen
15 Keiner kann den Reichtum zählen
Zählt er auch ohn Unterlaß.
Kinder der Vergangenheiten,
Helden aus den grauen Zeiten,
Der Gestirne Riesengeister
20 Wunderlich gesellt,
Holde Frauen, ernste Meister,
Kinder, und verlebte Greise
Sitzen hier in Einem Kreise
Wohnen in der alten Welt.
25 Keiner wird sich je beschweren
Keiner wünschen fortzugehen,
Wer an unsern vollen Tischen
Einmal fröhlich saß.
Klagen sind nicht mehr zu hören
30 Keine Wunden mehr zu sehen
Keine Tränen abzuwischen;
Ewig läuft das Stundenglas.
Tiefgerührt von heilger Güte
Und versenkt in selges Schauen
35 Steht der Himmel im Gemüte,
Wolkenloses Blau,
Lange fliegende Gewande
Tragen uns durch Frühlingsauen,
Und es weht in diesem Lande
40 Nie ein Lüftchen kalt und rauh.
Süßer Reiz der Mitternächte,
Stiller Kreis geheimer Mächte,
Wollust rätselhafter Spiele,
Wir nur kennen euch.
45 Wir nur sind am hohen Ziele,
Bald in Strom uns zu ergießen
Dann in Tropfen zu zerfließen
Und zu nippen auch zugleich.
Uns ward erst die Liebe, Leben,
50 Innig wie die Elemente
Mischen wir des Daseins Fluten,
Brausend Herz mit Herz.
Lüstern scheiden sich die Fluten
Denn der Kampf der Elemente
55 Ist der Liebe höchstes Leben
Und des Herzens eignes Herz.
Leiser Wünsche süßes Plaudern
Hören wir allein, und schauen
Immerdar in selge Augen
60 Schmecken nichts als Mund und Kuß.
Alles, was wir nur berühren
Wird zu heißen Balsamfrüchten,
Wird zu weichen zarten Brüsten,
Opfer kühner Lust.
65 Immer wächst und blüht Verlangen
Am Geliebten festzuhangen
Ihn im Innern zu empfangen,
Eins mit ihm zu sein,
Seinem Durste nicht zu wehren
70 Sich im Wechsel zu verzehren,
Von einander sich zu nähren
Von einander nur allein.
So in Lieb und hoher Wollust
Sind wir immerdar versunken
75 Seit der wilde trübe Funken
Jener Welt erlosch,
Seit der Hügel sich geschlossen
Und der Scheiterhaufen sprühte
Und dem schauernden Gemüte
80 Nun das Erdgesicht zerfloß.
Zauber der Erinnerungen,
Heilger Wehmut süße Schauer
Haben innig uns durchklungen
Kühlen unsre Glut.
85 Wunden gibts, die ewig schmerzen
Eine göttlich tiefe Trauer
Wohnt in unser aller Herzen,
Löst uns auf in Eine Flut.
Und in dieser Flut ergießen
90 Wir uns auf geheime Weise
In den Ozean des Lebens
Tief in Gott hinein.
Und aus seinem Herzen fließen
Wir zurück zu unserm Kreise
95 Und der Geist des höchsten Strebens
Taucht in unsre Wirbel ein.
Schüttelt eure goldnen Ketten
Mit Schmaragden und Rubinen,
Und die blanken saubern Spangen
100 Blitz und Klang zugleich.
Aus des feuchten Abgrunds Betten
Aus den Gräbern und Ruinen
Himmelsrosen auf den Wangen
Schwebt ins bunte Fabelreich.
105 Könnten doch die Menschen wissen
Unsre künftigen Genossen,
Daß bei allen ihren Freuden
Wir geschäftig sind,
Jauchzend würden sie verscheiden
110 Gern das bleiche Dasein missen –
O! die Zeit ist bald verflossen
Kommt Geliebte doch geschwind.
Helft uns nur den Erdgeist binden
Lernt den Sinn des Todes fassen
115 Und das Wort des Lebens finden;
Einmal kehrt euch um.
Deine Macht muß bald verschwinden,
Dein erborgtes Licht verblassen,
Werden dich in kurzem binden,
120 Erdgeist, deine Zeit ist um.





Entstehungsjahr: 1800
Erscheinungsjahr: 1802
Aus: Das lyrische Werk. 1798-1799 / Späte Gedichte
Referenzausgabe:
Gerhard Schulz: Novalis Werke. C. H. Beck Verlag: 3. Auflage 1987, S. 85-89.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.