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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Novalis (Friedrich von Hardenberg)

[Einst da ich bittre Tränen vergoß]

Einst da ich bittre Tränen vergoß, da in Schmerz aufgelöst meine Hoffnung zerrann, und ich
einsam stand am dürren Hügel, der in engen, dunklen Raum die Gestalt meines Lebens barg
– einsam, wie noch kein Einsamer war, von unsäglicher Angst getrieben – kraftlos, nur ein
Gedanken des Elends noch. – Wie ich da nach Hülfe umherschaute, vorwärts nicht konnte
5 und rückwärts nicht, und am fliehenden, verlöschten Leben mit unendlicher Sehnsucht hing:
– da kam aus blauen Fernen – von den Höhen meiner alten Seligkeit ein Dämmerungsschauer
– und mit einemmale riß das Band der Geburt – des Lichtes Fessel. Hin floh die irdische
Herrlichkeit und meine Trauer mit ihr – zusammen floß die Sehnsucht in eine neue,
unergründliche Welt – du Nachtbegeisterung, Schlummer des Himmels kamst über mich – die
10 Gegend hob sich sacht empor; über der Gegend schwebte mein entbundner, neugeborner
Geist. Zur Staubwolke wurde der Hügel – durch die Wolke sah ich die verklärten Züge der
Geliebten. In ihren Augen ruhte die Ewigkeit – ich faßte ihr Hände, und die Tränen wurden
ein funkelndes, unzerreißliches Band. Jahrtausende zogen abwärts in die Ferne, wie
Ungewitter. An ihrem Halse weint ich dem neuen Leben entzückende Tränen. – Es war der
15 erste, einzige Traum – und erst seitdem fühl ich ewigen, unwandelbaren Glauben an den
Himmel der Nacht und sein Licht, die Geliebte.





Entstehungsjahr: 1799-1800
Erscheinungsjahr: 1800
Aus: / Hymnen an die Nacht 3
Referenzausgabe:
Gerhard Schulz: Novalis Werke. C. H. Beck Verlag: 3. Auflage 1987, S. 43.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.