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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Conrad Ferdinand Meyer

In einer Sturmnacht

Es fährt der Wind gewaltig durch die Nacht,
In seine gellen Pfeifen bläst der Föhn,
Prophetisch kämpft am Himmel eine Schlacht
Und überschreit ein wimmernd Sterbgestöhn.

Was jetzt dämonenhaft in Lüften zieht,
5 Eh das Jahrhundert schießt, erfüllt's die Zeit –
In Sturmespausen klingt das Friedelied
Aus einer fernen, fernen Seligkeit.

Die Ampel, die in leichten Ketten hangt,
Hellt meiner Kammer weite Dämmerung,
Und wann die Decke bebt, die Diele bangt,
10 Bewegt sie sich gemach in sachtem Schwung.

Mir redet diese Flamme wunderbar
Von einer windbewegten Ampel Licht,
Die einst geglommen für ein nächtlich Paar,
Ein greises und ein göttlich Angesicht.

Es sprach der Friedestifter, den du weißt,
In einer solchen wilden Nacht wie heut:
15 »Hörst, Nikodeme, du den Schöpfer Geist,
Der mächtig weht und seine Welt erneut?«






Entstehungsjahr: vor 1884
Erscheinungsjahr: 1887
Aus: Gedichte von 1892 / VI. Götter
Referenzausgabe:
Hans Zeller, Alfred Zäch: Conrad Ferdinand Meyer. Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe, Bd. 1. Benteli-Verlag: 1963, S. 259.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.