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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Conrad Ferdinand Meyer

In der Sistina

In der Sistine dämmerhohem Raum,
Das Bibelbuch in seiner nervgen Hand,
Sitzt Michelangelo in wachem Traum,
Umhellt von einer kleinen Ampel Brand.
5 Laut spricht hinein er in die Mitternacht,
Als lauscht' ein Gast ihm gegenüber hier,
Bald wie mit einer allgewaltgen Macht,
Bald wieder wie mit seinesgleichen schier:
»Umfaßt, umgrenzt hab ich dich, ewig Sein,
10 Mit meinen großen Linien fünfmal dort!
Ich hüllte dich in lichte Mäntel ein
Und gab dir Leib, wie dieses Bibelwort.
Mit wehnden Haaren stürmst du feurigwild
Von Sonnen immer neuen Sonnen zu,
15 Für deinen Menschen bist in meinem Bild
Entgegenschwebend und barmherzig du!
So schuf ich dich mit meiner nichtgen Kraft:
Damit ich nicht der größre Künstler sei,
Schaff mich – ich bin ein Knecht der Leidenschaft –
20 Nach deinem Bilde schaff mich rein und frei!
Den ersten Menschen formtest du aus Ton,
Ich werde schon von härterm Stoffe sein,
Da, Meister, brauchst du deinen Hammer schon.
Bildhauer Gott, schlag zu! Ich bin der Stein.«





Entstehungsjahr: vor 1893
Erscheinungsjahr: 1892
Aus: Gedichte von 1892 / VIII. Genie
Referenzausgabe:
Hans Zeller, Alfred Zäch: Conrad Ferdinand Meyer. Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe, Bd. 1. Benteli-Verlag: 1963, S. 350.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.