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Lenau (Nikolaus Edler Niembsch von Strehlenau)

Die Werbung

Rings im Kreise lauscht die Menge
Bärtiger Magyaren froh;
Aus dem Kreise rauschen Klänge,
Was ergreifen die mich so? –
5 Tief gebräunt vom Sonnenbrande,
Rothgeglüht von Weinesglut,
Spielt da die Zigeunerbande
Und empört das Heldenblut.
»Laß die Geige wilder singen!
10 Wilder schlag das Zimbal du!«
Ruft der Werber, und es klingen
Seine Sporne hell dazu.
Der Zigeuner hört's, und voller
Wölkt sein Mund der Pfeife Dampf;
15 Lauter immer, immer toller
Braust der Instrumente Kampf;
Braust die alte Heldenweise,
Die vor Zeiten wohl mit Macht
Frische Knaben, welke Greise
20 Hinzog in die Türkenschlacht.
Wie des Werbers Augen glühn!
Und wie all' die Säbelnarben,
Ehrenröslein purpurfarben,
Ihm auf Wang' und Stirne blüh'n!
25 Klirrend glänzt das Schwert in Funken,
Das sich oft im Blute wusch,
Auf dem Csako, freudetrunken,
Taumelt ihm der Federbusch. –
Aus der bunten Menge ragen
30 Einen Jüngling, stark und hoch,
Sieht der Werber mit Behagen;
»Wärest du ein Reiter doch!«
– Ruft er aus mit licht'ren Augen, –
»Solcher Wuchs, und solche Kraft
35 Würden dem Husaren taugen;
Komm, und trinke Bruderschaft!«
Und es schwingt der Freudigrasche
Jenem zu die volle Flasche.
Doch der Jüngling hört es schweigend,
40 In die Schatten der Gedanken,
Die ihn bang und süß umranken,
Still sein schönes Antlitz neigend.
Ihn bewegt das edle Sehnen,
Wie der Ahn ein Held zu seyn,
45 Es berieseln warme Thränen
Seiner Wangen Rosenschein.
Außer denen, die da rauschen
In Musik und Werberwort,
Scheint er Klängen noch zu lauschen,
50 Hergeweht aus fernem Ort:
»Komm zurück in meine Arme!«
Fleht sein Mütterlein so bang, –
Und die Braut in tiefem Harme
Fleht: »O säume nimmer lang!«
55 Und er sieht das Hüttchen trauern,
Das ihn hegte mit den Seinen,
Hört davor die Linde schauern,
Und den Bach vorüberweinen.
Pochst du lauter nach den Bahnen
60 Kühner Thaten, junges Herz?
Oder zieht das süße Mahnen
Dich, der Liebe, heimatwärts?
Also steht er unentschlossen,
Während dort Recruten schon
65 Zieh'n in's Feld auf flinken Rossen,
Lustig mit Drommetenton.
»Komm in uns're Reiterschaaren!«
Fällt der Werber jubelnd ein, –
»Schönes Leben des Husaren!«
70 »Das ist Leben, das allein!«
Jünglings Augen flammen heller,
Seine Pulse jagen schneller. –
Plötzlich zeigt sich nun im Kreise
Eine finstere Gestalt,
75 Tiefen Ernstes, schreitet leise,
Und beym Werber macht sie Halt,
Und sie flüstert ihm so dringend
Ein geheimes Wort in's Ohr,
Daß er, hoch den Säbel schwingend,
80 Wie begeistert loht empor.
Und nun schwebt sie hin zur Bande,
Facht den Eifer der Musik
Mächtig an zum stärksten Brande
Mit Geraun' und Geisterblick.
85 Aus des Basses Sturmgewittern,
Mit unendlich süßem Sehnen,
Mit der Stimmen weichem Zittern
Singen Geigen, Grabsyrenen. –
Und der Dämon schwebt enteilend
90 Durch der Lauscher dichte Reihe,
Nur am Jüngling noch verweilend,
Wie mit einem Blick der Weihe.
Bald im ungestümen Werben
Wird der Liebe Klagelaut,
95 Wird das Bild der Heimat sterben!
Arme Mutter! Arme Braut! –
In des Jünglings letztes Wanken
Bricht des Werbers rauhes Zanken,
Lacht des Werbers bitt'rer Hohn:
100 »Bist wohl auch kein Heldensohn!«
»Bist kein ächter Ungarjunge!«
»Feiges Herz, so fahre hin!« –
Seht! er stürzt mit raschem Sprunge,
– Zorn und Scham der Wange Glüh'n, –
105 Hin zum Werber, von der Rechten
Schallt der Handschlag in den Lüften,
Und er gürtet kühn zum Fechten
Schnell das Schwert sich um die Hüften. –
Wie beym Sonnenuntergange
110 Hier und dort vom Saatgefild
Still waldeinwärts schleicht das Wild:
Also von der Ungarn Wange
Flüchtet in den Bart herab
Still die scheue Männerzähre.
115 Ahnen sie des Jünglings Ehre?
Ahnen sie sein frühes Grab? –





Entstehungsjahr: 1827
Erscheinungsjahr: 1830
Fassung: Frühe
Aus: Gedichte vor 1832
Referenzausgabe:
Helmut Brandt et al.: Nikolaus Lenau. Werke und Briefe, Bd. 1. Deuticke Verlag / Klett-Cotta Verlag: 1995, S. 12-14.
Andere Fassungen in der Freiburger Anthologie:
Späte Fassung: Die Werbung , entstanden 1827

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.