Zurück zur FA Hauptseite
Zurück zur vorigen Seite
Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Lenau (Nikolaus Edler Niembsch von Strehlenau)

Der offene Schrank

Mein liebes Mütterlein war verreist,
Und kehrte nicht heim, und lag in der Grube;
Da war ich allein und recht verwaist,
Und traurig trat ich in ihre Stube.
5 Ihr Schrank stand offen, ich fand ihn noch heut,
Wie sie abreisend ihn eilig gelassen,
Wie Alles man durcheinander streut,
Wenn vor der Thür die Pferde schon passen.
Ein aufgeschlagnes Gebetbuch lag
10 Bei mancher Rechnung, von ihr geschrieben;
Von ihrem Frühstück am Scheidetag
War noch ein Stücklein Kuchen geblieben.
Ich las das aufgeschlagne Gebet,
Es war: wie eine Mutter um Segen
15 Für ihre Kinder zum Himmel fleht;
Mir pochte das Herz in bangen Schlägen.
Ich las ihre Schrift, und ich verbiß
Nicht länger meine gerechten Schmerzen,
Ich las die Zahlen, und ich zerriß
20 Die Freudenrechnung in meinem Herzen.
Zusammen sucht' ich in den Speiserest,
Das kleinste Krümlein, den letzten Splitter,
Und hätt' es mir auch den Hals gepreßt,
Ich aß vom Kuchen und weinte bitter.





Entstehungsjahr: 1838
Erscheinungsjahr: 1838
Aus: Neuere Gedichte (1838) / Vermischte Gedichte
Referenzausgabe:
Helmut Brandt et al.: Nikolaus Lenau. Werke und Briefe, Bd. 2. Deuticke Verlag / Klett-Cotta Verlag: 1995, S. 147.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.