Zurück zur FA Hauptseite
Zurück zur vorigen Seite
Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Louis Charles Adelaide de Chamisso de Boncourt (Chamisso, Adelbert von)

Das Schloß Boncourt

Ich träum als Kind mich zurücke,
    Und schüttle mein greises Haupt;
Wie sucht ihr mich heim, ihr Bilder,
    Die lang ich vergessen geglaubt?
5 Hoch ragt aus schatt'gen Gehegen
    Ein schimmerndes Schloß hervor,
Ich kenne die Türme, die Zinnen,
    Die steinerne Brücke, das Tor.
Es schauen vom Wappenschilde
10     Die Löwen so traulich mich an,
Ich grüße die alten Bekannten,
    Und eile den Burghof hinan.
Dort liegt die Sphinx am Brunnen,
    Dort grünt der Feigenbaum,
15 Dort, hinter diesen Fenstern,
    Verträumt ich den ersten Traum.
Ich tret in die Burgkapelle
    Und suche des Ahnherrn Grab,
Dort ist's, dort hängt vom Pfeiler
20     Das alte Gewaffen herab.
Noch lesen umflort die Augen
    Die Züge der Inschrift nicht,
Wie hell durch die bunten Scheiben
    Das Licht darüber auch bricht.
25 So stehst du, o Schloß meiner Väter,
    Mir treu und fest in dem Sinn,
Und bist von der Erde verschwunden,
    Der Pflug geht über dich hin.
Sei fruchtbar, o teurer Boden,
30     Ich segne dich mild und gerührt,
Und segn' ihn zwiefach, wer immer
    Den Pflug nun über dich führt.
Ich aber will auf mich raffen,
    Mein Saitenspiel in der Hand,
35 Die Weiten der Erde durchschweifen,
    Und singen von Land zu Land.





Entstehungsjahr: 1827
Erscheinungsjahr: 1827
Aus: Gedichte / Lieder und lyrisch epische Gedichte
Referenzausgabe:
Jost Perfahl: Adelbert von Chamisso. Sämtliche Werke in zwei Bänden, Bd. 1. Winkler-Verlag, München: 1975, S. 192-193.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.