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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß
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Gottfried Keller

Winternacht

Nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt,
Still und blendend lag der weiße Schnee,
Nicht ein Wölklein hing am Sternenzelt,
Keine Welle schlug im starren See.
5 Aus der Tiefe stieg der Seebaum auf,
Bis sein Wipfel in dem Eis gefror;
An den Ästen klomm die Nix' herauf,
Schaute durch das grüne Eis empor.
Auf dem dünnen Glase stand ich da,
10 Das die schwarze Tiefe von mir schied;
Dicht ich unter meinen Füßen sah
Ihre weiße Schönheit Glied um Glied.
Mit ersticktem Jammer tastet' sie
An der harten Decke her und hin.
15 Ich vergess' das dunkle Antlitz nie,
Immer, immer liegt es mir im Sinn!





Entstehungsjahr: 1846-1847
Erscheinungsjahr: 1854
Fassung: Frühe
Aus: Neuere Gedichte 1854 / Jahreszeiten
Referenzausgabe:
Kai Kauffmann: Gottfried Keller. Gedichte, Bd. 1. Deutscher Klassiker Verlag: 1995, S. 191.
Bemerkungen

In den frühesten Fassungen des Gedichtes fehlt die hier abgebildete 3. Strophe, wohingegen folgende Schlußstrophe steht:

Als ein heller Stern vom Himmel fiel,
Fuhr sie schreiend in die Tiefe da.
Mich durchschauerte ein bang Gefühl,
Wie wenn ich die eigne Seele sah.

Andere Fassungen in der Freiburger Anthologie:
Späte Fassung: Winternacht , entstanden vor 1889

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.