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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß
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Gottfried Keller

Sommernacht

Es wallt das Korn weit in die Runde
Und wie ein Meer dehnt es sich aus;
Doch liegt auf seinem stillen Grunde
Nicht Seegewürm, noch andrer Graus:
5 Da träumen Blumen nur von Kränzen
Und trinken der Gestirne Schein.
O goldnes Meer, dein friedlich Glänzen
Saugt meine Seele gierig ein!
In meiner Heimat grünen Talen,
10 Da herrscht ein alter schöner Brauch;
Wann hell die Sommersterne strahlen,
Der Glühwurm schimmert durch den Strauch:
Dann geht ein Flüstern und ein Winken,
Das sich dem Ährenfelde naht,
15 Da geht ein nächtlich Silberblinken
Von Sicheln durch die goldne Saat.
Das sind die Bursche, jung und wacker,
Die sammeln sich im Feld zu Hauf
Und suchen den gereiften Acker
20 Der Witwe oder Waise auf,
Die keines Vaters, keiner Brüder
Und keines Knechtes Hülfe weiß –
Ihr schneiden sie den Segen nieder,
Die reinste Lust ziert ihren Fleiß.
25 Schon sind die Garben fest gebunden
Und schön in einen Kranz gebracht;
Wie lieblich floh'n die stillen Stunden,
Es war ein Spiel in kühler Nacht!
Nun wird geschwärmt und hell gesungen
30 Im Garbenkreis, bis Morgenduft
Die nimmermüden, braunen Jungen
Zur eignen schweren Arbeit ruft.





Entstehungsjahr: 1846
Erscheinungsjahr: 1854
Fassung: Frühe
Aus: Neuere Gedichte 1854 / Jahreszeiten
Referenzausgabe:
Kai Kauffmann: Gottfried Keller. Gedichte, Bd. 1. Deutscher Klassiker Verlag: 1995, S. 188.
Andere Fassungen in der Freiburger Anthologie:
Späte Fassung: Sommernacht , entstanden vor 1889

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.