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Gottfried Keller

Schlafwandel am Tage

Im afrikanischen Felsental
Marschiert ein Bataillon,
Sich selber fremd, eine braune Schar
Der Fremdenlegion;
5 Lang ist ihr wildes Lied verhallt
In Sprachen mancherlei,
Stumm glüht der römische Schutt am Weg,
Schlafend zieh'n sie vorbei.
Unter der Trommel vorgebeugt
10 Der schlafende Tambour geht,
Es nickt der Commandant zu Roß,
Von webender Glut umweht;
Es schläft die Truppe Haupt für Haupt
Unter der Sonne gesenkt,
15 Von der Gewohnheit Eisenfaust
In Schritt und Tritt gelenkt.
Und was sonst in der dunklen Nacht
Das enge Zelt nur sieht,
Wird unter'm offnen Himmelsblau
20 Vom Wüstenlicht durchglüht.
Es spielt das schmerzliche Mienenspiel
Unglücklichen Manns, der träumt,
Von Gram und Leid und Bitterkeit
Ist jeglicher Mund umsäumt.
25 Es zuckt die Lippe, es zuckt das Aug',
Auf dürre Wangen quillt
Die unbemeisterte Träne hin,
Vom Sonnenbrand gestillt.
Sie schau'n ein reizend Spiegelbild
30 Vom kühlen Heimatstrand,
Das grüne Kleefeld, rot beblümt,
Die Mutter, die einst den Sohn gerühmt,
Verlorenes Vaterland!
Ein Schuß – da flattert's weiß heran
35 Und schon steht das Quarré
Schlagfertig und munter, und Keiner sah
Des Andern Reu und Weh;
Nur zorniger ist jeder Mann
Und ihm willkommen der Streit;
40 Doch wie er kam, zerstiebt der Feind
Wie Traum und Reu so weit!





Entstehungsjahr: vor 1855
Erscheinungsjahr: 1854
Fassung: Frühe
Aus: Neuere Gedichte 1854 / Romanzen
Referenzausgabe:
Kai Kauffmann: Gottfried Keller. Gedichte, Bd. 1. Deutscher Klassiker Verlag: 1995, S. 280-282.
Andere Fassungen in der Freiburger Anthologie:
Späte Fassung: Schlafwandel , entstanden vor 1889

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.