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Gottfried Keller

Schlafwandel

Im afrikanischen Felsental
Marschiert ein Bataillon,
Sich selber fremd, eine braune Schar
Der Fremdenlegion.
5 Lang ist ihr wildes Lied verhallt
In Sprachen mancherlei;
Stumm glüht der römische Schutt am Weg,
Schlafend zieh'n sie vorbei.
Unter der Trommel vorgebeugt
10 Der schlafende Tambour geht,
Es nickt der Kommandant zu Roß,
Von webender Glut umweht;
Es schläft die Truppe Haupt für Haupt
Unter der Sonne gesenkt,
15 Von der Gewohnheit Eisenfaust
In Schritt und Tritt gelenkt.
Und was sonst in der dunklen Nacht
Das Zelt nur sehen mag,
Tritt unter'm off'nen Himmelsblau
20 Im Wüstenlicht zu Tag.
Es spielt das schmerzliche Mienenspiel
Unglücklichen Mann's, der träumt;
Von Gram und Leid und Bitterkeit
Ist jeglicher Mund umsäumt.
25 Es zuckt die Lippe, zuckt das Aug',
Auf dürre Wangen quillt
Die unbemeisterte Träne hin,
Vom Sonnenbrand gestillt.
Sie schau'n ein reizend Spiegelbild
30 Vom kühlen Heimatstrand,
Das grüne Kleefeld, rot beblümt,
Den Vater, der einst den Sohn gerühmt,
Verlornes Jugendland!
Ein Schuß – da flattert's weiß heran
35 Und schon steht das Carré
Schlagfertig und munter, und Keiner sah
Des Andern Reu und Weh;
Nur zorniger ist jeder Mann,
Willkommen ihm der Streit,
40 Doch wie er kam, zerstiebt der Feind,
Wie Traum und Reu so weit!





Entstehungsjahr: vor 1889
Erscheinungsjahr: 1888
Fassung: Späte
Aus: Gesammelte Gedichte 1888 / XI. Vermischte Gedichte
Referenzausgabe:
Kai Kauffmann: Gottfried Keller. Gedichte, Bd. 1. Deutscher Klassiker Verlag: 1995, S. 659-660.
Andere Fassungen in der Freiburger Anthologie:
Frühe Fassung: Schlafwandel am Tage , entstanden vor 1855

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.