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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß
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Gottfried Keller

[Ich hab' in kalten Wintertagen]

Ich hab' in kalten Wintertagen,
In dunkler, hoffnungsarmer Zeit
Ganz aus dem Sinne dich geschlagen,
O Trugbild der Unsterblichkeit.
5 Nun, da der Sommer glüht und glänzet,
Nun seh' ich, daß ich wohlgetan!
Auf's Neu' hab' ich das Haupt bekränzet,
Im Grabe aber ruht der Wahn.
Ich fahre auf dem klaren Strome,
10 Er rinnt mir kühlend durch die Hand,
Ich schau' hinauf zum blauen Dome –
Und such' – kein bess'res Vaterland.
Nun erst versteh' ich, die da blühet,
O Lilie, deinen stillen Gruß:
15 Ich weiß, wie sehr das Herz auch glühet,
Daß ich wie du vergehen muß!
Seid mir gegrüßt, ihr holden Rosen,
In eures Daseins flücht'gem Glück!
Ich wende mich vom Schrankenlosen
20 Zu eurer Anmut froh zurück!
Zu glüh'n, zu blüh'n und ganz zu leben,
Das lehret euer Duft und Schein,
Und willig dann sich hinzugeben
Dem ewigen Nimmerwiedersein!





Entstehungsjahr: 1849
Erscheinungsjahr: 1854
Fassung: Frühe
Aus: Neuere Gedichte 1854 / Aus der Brieftasche 1
Referenzausgabe:
Kai Kauffmann: Gottfried Keller. Gedichte, Bd. 1. Deutscher Klassiker Verlag: 1995, S. 254.
Andere Fassungen in der Freiburger Anthologie:
Späte Fassung: [Ich hab' in kalten Wintertagen] , entstanden vor 1889

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.