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Gottfried Keller

Der Taugenichts

Die ersten Veilchen waren schon
Erwacht im stillen Tal,
Das Bettelpack schlug auf den Thron
Im Feld zum ersten Mal.
5 Der Alte auf dem Rücken lag,
Die Mutter wusch am See;
Bestaubt und unrein schmolz im Hag
Das letzte Häuflein Schnee.
Der Vollmond warf den Silberschein
10 Dem Bettler in die Hand,
Bestreut der Frau mit Edelstein
Die Lumpen, die sie wand;
Ein linder West blies in die Glut
Von einem Dorngeflecht,
15 Drauf kocht' in Bettelmannes Hut
Ein sündengrauer Hecht.
Da kam der kleine Betteljung,
Vor Hunger schwach und matt,
Doch glühend in Begeisterung
20 Vom Streifen durch die Stadt,
Hielt eine Hyazinth empor
In dunkelblauer Luft;
Die Blume war von selt'nem Flor
Und selig süß ihr Duft.
25 Der Vater rief: Wohl hast du mir
Viel Pfennige gebracht?
Der Knabe rief: O sehet hier
Der Blume Zauberpracht!
Ich lag am goldnen Gittertor,
30 Vom Morgen bis zur Nacht,
Die Blume aus dem Wunderflor
Zu stehlen nur bedacht!
Seht nur, wie vornehm und wie fein,
Wie zierlich sie gebaut!
35 Ich habe starr nach ihrem Schein
Den ganzen Tag geschaut.
O schlaget nicht mich armen Wicht,
Laßt euren Stecken ruh'n!
Ich will ja nichts, mich hungert nicht,
40 Ich will's nicht wieder tun!
O sehet nur, ich werde toll,
Die Glöcklein alle an!
Ihr Duft, so fremd und wundervoll,
Hat mir es angetan!
45 Auch alle Blumen nun im Feld
Lieb' ich von heute an;
Die Hexe, welche neue Welt
Hat sie mir aufgetan!
O wehe mir geschlagnem Tropf!
50 Brach nun der Alte aus:
Mein Kind kommt mit verrücktem Kopf,
Anstatt mit Brot nach Haus!
Du Taugenichts, du Tagedieb,
Und deiner Eltern Schmach!
55 Und rüstig langt er Hieb auf Hieb
Dem armen Jungen nach.
Im Zorn fraß er den Hecht, noch eh'
Er gar gesotten war,
Warf weit die Gräte in den See
60 Und stülpt' den Filz auf's Haar.
Die Mutter schmält' mit lindem Wort,
Den mißgeratnen Sohn,
Der warf die Blume zitternd fort
Und hinkte still davon.
65 Es perlte seiner Tränen Fluß,
Er legte sich in's Gras
Und zog aus seinem wunden Fuß
Ein Stücklein scharfes Glas.
Der Gott der Taugenichtse rief
70 Der guten Nachtigall,
Daß sie dem Kind ein Liedlein pfiff
Zum Schlaf mit süßem Schall.





Entstehungsjahr: vor 1855
Erscheinungsjahr: 1854
Fassung: Frühe
Aus: Neurere Gedichte 1854 / Jahreszeiten
Referenzausgabe:
Kai Kauffmann: Gottfried Keller. Gedichte, Bd. 1. Deutscher Klassiker Verlag: 1995, S. 183-186.
Andere Fassungen in der Freiburger Anthologie:
Späte Fassung: Der Taugenichts , entstanden vor 1889

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.