Zurück zur FA Hauptseite
Zurück zur vorigen Seite
Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß
Verschiedene Fassungen des Gedichts nebeneinander anzeigen

Gottfried Keller

An das Herz

Willst du nicht dich schließen,
Herz, du offnes Haus!
Worin Freund' und Feinde
Gehen ein und aus?
5 Schau, wie sie verletzen
Dir das Hausrecht stets!
Fühllos auf und nieder,
Polternd, lärmend geht's.
Keiner putzt die Schuhe,
10 Keiner sieht sich um,
Staubig brechen alle
Dir in's Heiligtum;
Trinken aus den goldnen
Kelchen des Altars,
15 Schänden Müh' und Segen
Dir des ganzen Jahr's;
Werfen die Penaten
Wild vom Herde dir,
Pflanzen drauf mit Prahlen
20 Ihr entfärbt' Panier.
Und wenn zu verwüsten
Nichts sie finden mehr,
Lassen sie im Scheiden,
Dich, mein Herz, so leer!
25 Nein! und wenn nun alles
Still und tot in dir,
O, noch halt' dich offen,
Offen für und für!
Laß die Sonne scheinen
30 Heiß in dich herein,
Stürme dich durchfahren
Und den Wetterschein!
Wenn durch deine Kammern
So die Windsbraut zieht,
35 Laß dein Glöcklein stürmen,
Schallen Lied um Lied!
Denn noch kann's geschehen,
Daß auf irrer Flucht
Eine treue Seele
40 Bei dir Obdach sucht!





Entstehungsjahr: 1846
Erscheinungsjahr: 1888
Fassung: Späte
Aus: Gesammelte Gedichte 1888 / XI. Vermischte Gedichte
Referenzausgabe:
Kai Kauffmann: Gottfried Keller. Gedichte, Bd. 1. Deutscher Klassiker Verlag: 1995, S. 643-644.
Bemerkungen
Die Referenzausgabe gibt im vorletzten Vers nur "Ein treue Seele" wieder. Das wurde als Druckfehler angesehen und korrigiert.
Andere Fassungen in der Freiburger Anthologie:
Frühe Fassung: An das Herz , entstanden 1846
Andere Fassung: An das Herz , entstanden 1846

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.