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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Gottfried Keller

Abendlied

Augen, meine lieben Fensterlein,
Gebt mir schon so lange holden Schein,
Lasset freundlich Bild um Bild herein:
Einmal werdet ihr verdunkelt sein!
5 Fallen einst die müden Lider zu,
Löscht ihr aus, dann hat die Seele Ruh';
Tastend streift sie ab die Wanderschuh',
Legt sich auch in ihre finst're Truh'.
Noch zwei Fünklein sieht sie glimmend steh'n
10 Wie zwei Sternlein, innerlich zu seh'n,
Bis sie schwanken und dann auch vergeh'n,
Wie von eines Falters Flügelweh'n.
Doch noch wandl' ich auf dem Abendfeld,
Nur dem sinkenden Gestirn gesellt;
15 Trinkt, o Augen, was die Wimper hält,
Von dem goldnen Überfluß der Welt!





Entstehungsjahr: 1879
Erscheinungsjahr: 1888
Aus: Gesammelte Gedichte 1888 / I. Buch der Natur
Referenzausgabe:
Kai Kauffmann: Gottfried Keller. Gedichte, Bd. 1. Deutscher Klassiker Verlag: 1995, S. 407.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.