Zurück zur FA Hauptseite
Zurück zur vorigen Seite
Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß
Verschiedene Fassungen des Gedichts nebeneinander anzeigen

Ludwig Christoph Heinrich Hölty

Die Nonne
eine Ballade

Es liebt' einmahl ein Rittersmann,
    Mit ungemeinem Feuer
Das täglich neue Glut gewann,
    Ein schönes Kind im Schleyer.
5 Sprach viel von seiner Liebespein,
    Und schwur, auf seinen Knieen,
Sie aus dem Kerker zu befreyn,
    Und stets für sie zu glühen.
Dir ist mein ganzes Herz geweyht,
10     So lang' ich Odem habe,
Bey meiner Seelen Seeligkeit!
    Dich lieb' ich bis zum Grabe.
Zerfleischet mich, in hoher Luft,
    Ihr Teufel, mit den Klauen,
15 Mein Leichnam finde keine Gruft,
    Buhl' ich um andre Frauen.
Was glaubt ein armes Mädchen nicht,
    Zumahl in einer Celle?
Ach, sie vergaß der Nonnenpflicht,
20     Des Himmels, und der Hölle.
Die, von den Engeln angeschaut,
    Sich ihrem Jesu weyhte,
Die reine, schöne Gottesbraut,
    Ward eines Frevlers Beute.
25 Er wurde, wie das Mannsvolk ist,
    Der guten Nonne müde,
Und ließ, da er sich satt geküßt,
    Ihr jählings Ruh und Friede.
Vergaß der alten Zärtligkeit,
30     Und gieng mit andern Frauen,
Die ganze schöne Sommerzeit,
    In Hainen, und auf Auen.
Begann mit andern Weibern Reyhn,
    Im kerzenhellen Saale,
35 Gab andern Weibern Schmeicheleyn,
    Beym lauten Freudenmahle.
Und rühmte sich des Minneglücks
    Bey seiner schönen Nonne,
Und jedes Kußes, jedes Blicks,
40     Und jeder andern Wonne.
Die Nonne knirschte drob vor Wuth,
    Wie Frauenseelen fühlen,
Und heischete des Buben Blut,
    Den Rachezorn zu kühlen.
45 Sie dingt urplötzlich eine Schaar
    Von wilden Meuchelmördern,
Den Mann, der treulos worden war,
    Ins Schattenreich zu fördern.
Die bohren manches Mörderschwert
50     In seine schwarze Seele.
Sein schwarzer, falscher Geist enfährt
    Alsbald des Leibes Höhle.
Er wimmert durch die Luft, wo sein
    Ein Krallenteufel harret.
55 Drauf ward sein blutendes Gebein
    In eine Gruft verscharret.
Die Nonne flog, wie Nacht begann,
    Zur Gruft in der Capelle,
Und riß den wunden Rittersmann
60     Aus seiner Ruhestelle.
Riß ihm das Bubenherz heraus,
    Recht ihren Zorn zu büßen,
Und trat es, daß das Gotteshaus
    Erschallte, mit den Füßen.
65 Ihr Geist soll, wie die Sagen gehn,
    In dieser Kirche weilen,
Und, bis im Dorf die Hahnen krähn,
    Bald wimmern, und bald heulen.
Sie steigt, sobald es zwölfe schlägt,
70     So sagen die Legenden,
Aus einer Gruft empor, und trägt
    Ein blutend Herz in Händen.
Die tiefen hohlen Augen sprühn
    Ein düsterrothes Feuer,
75 Entsetzlich anzuschaun, und glühn
    Durch ihren weißen Schleyer.
So steht er da der grimme Geist,
    Mit dräuender Geberde,
Zerfleischt das Frevlerherz, und schmeißt
80     Es wütig auf die Erde.
Sie rollt die Augen voller Glut
    Die eine Hölle blicken,
Und schüttelt aus den Haaren Blut,
    Und stampft das Herz in Stücken.
85 Ein bleicher Todtenflimmer macht
    Indeß die Fenster helle.
Der Wächter, der das Dorf bewacht,
    Sah's oft in der Capelle.





Entstehungsjahr: 1773
Erscheinungsjahr: 1775
Fassung: Frühe
Aus: Gedichte
Referenzausgabe:
Walter Hettche: Ludwig Christoph Heinrich Hölty. Gesammelte Werke und Briefe. Wallstein Verlag: 1998, S. 167-170.
Andere Fassungen in der Freiburger Anthologie:
Späte Fassung: Die Nonne , entstanden vor 1775

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.