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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Moritz Hartmann

Die Lampe

Ein Rabbi war im alten Prag,
Ein guter Mann und gottergeben,
Der treulich seiner Lehre pflag
Und klug erklärte Buch und Leben.
5 So mocht' er standhaft alle Plagen
Des Geistes und des Leibes tragen,
Und hatt' er nicht den Bissen Brod,
Er sprach: Ein Schein nur ist die Noth.
So gut nicht wurd' es seinem Weibe,
10 Die sah mit Trauer, ohne Trost
Das schlechte Kleid auf ihrem Leibe,
Auf ihrem Tisch die schlechte Kost.
Das war ein täglich Leid, zu Gram
Erst wurd' es, wenn der Sabbath kam,
15 Und ihr Jedwedes abgegangen,
Den Festtag festlich zu empfangen.
Ihr Aug' von Thränen angefüllt,
Rief sie: Kein Fisch ist in der Pfanne,
In Fetzen du und ich gehüllt,
20 Kein Wein zum Segen in der Kanne!
Er nahm sie lächelnd bei der Hand,
Und nach der Lampe hingewandt,
Die von dem Sims, mit sieben Zinken
Gleich einem Sterne schien zu winken,
25 Sprach er, als ob er sagen wollt'
Ein groß Geheimniß: Laß die Sorgen,
Verrath es nicht, sie ist von Gold!
O sieh' sie an — in ihr verborgen
Ist mancher wohlbesetzte Tisch,
30 Und Wein zum Segen, Fleisch und Fisch,
Und prächtiger Brokat und Seide
Für dich und mich zum schönsten Kleide.
»Sie ist von Gold,« — sie lispelts kaum
Dem Rabbi nach, voll gläub'ger Freude,
35 Ihr Elend schwindet wie ein Traum,
Und frohen Sabbath feiern Beide.
Nun ist's genug bei allem Weh,
Daß sie nur auf zur Lampe seh'. —
»Sie ist von Gold« — und alle Plagen
40 Will sie noch diesen Sabbath tragen.
Mit solchem Blick, mit solchem Wort
Täuscht sie durch Leiden und Entbehrung
Von Sabbath sich zu Sabbath fort,
Ihr blinkt ja aller Lust Gewährung.
45 So lächelt sie von Tag zu Tag,
Bis daß sie auf der Bahre lag.
Der Rabbi sprach: O meine Taube,
Du lehrtest mich, was sei der Glaube.





Entstehungsjahr: vor 1858
Erscheinungsjahr: ?
Referenzausgabe:
Ohne Herausgeber: Zeitlosen. Gedichte von Moritz Hartmann. Friedrich Vieweg und Sohn, Braunschweig: 1858, S. 18-20.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Bobenhausen.