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Conrad Ferdinand Meyer

Über einem Grabe

Blüten schweben über deinem Grabe,
Schnell umarmte dich der Tod, o Knabe,
Den wir Alle liebten, die dich kannten,
Dessen Augen wie zwei Sonnen brannten.
5 Dessen Pulse stark und feurig schlugen –
Den wir gestern hier zu Grabe trugen.
Maiennacht. Der Sterne mildes Schweigen ...
Dort ... ich seh’ es aus der Erde steigen,
Unterm Rasen quillt hervor es leise,
10 Flatterflammen drehen sich im Kreise,
Ungelebtes Leben zuckt und lodert
Aus der Körperkraft, die hier vermodert,
Abgemäh’ter Jugend letztes Walten,
Letzte Glut verraucht in Wunschgestalten,
15 Eine blasse Jagd.
                    Zuerst ein Zecher,
In der Faust den überfüllten Becher ...
Weh’nde Locken will der Buhle fassen,
Die entflatternd nicht sich haschen lassen,
20 Lustgestachelt ras’t er hinter jenen ...
Ein verhülltes Mädchen folgt in Thränen ...
Wagen rollen, muthge Schiffer fahren
Durch die Brandung mit verstürmten Haaren ...
Helmbedeckt, das lichte Schwert erhoben,
25 Seh ich einen jungen Krieger toben ...
Einen Menschenhaufen führt der Kühne
Dort und stürzt sich auf die Rednerbühne ...
Ein Gedräng, ein Kämpfen, Ringen, Streben,
Arme strecken sich und Kränze schweben.
30 Kränze, bleicher Knabe, dir beschieden,
Die du nicht erreichtest.
                    Schlaf in Frieden!





Entstehungsjahr: 1875
Erscheinungsjahr: 1878
Fassung: Frühe
Aus: Apparat zur Abteilung I.
Referenzausgabe:
Hans Zeller, Alfred Zäch: Conrad Ferdinand Meyer. Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe, Bd. 2. Benteli-Verlag: 1964, S. 165-166.
Andere Fassungen in der Freiburger Anthologie:
Späte Fassung: Über einem Grabe , entstanden 1875

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Bobenhausen.