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Conrad Ferdinand Meyer

Mit zwei Worten

Am Gestade Palästina’s, auf und nieder, Tag um Tag,
»London?« frug die Sarazenin, wo ein Schiff vor Anker lag.
»London!« bat sie lang vergebens, nimmer ward das Herz ihr zag,
Bis zuletzt an Bord sie brachte eines Botes Ruderschlag.
5 Sie betrat das Deck des Seglers, und es ward ihr nicht gewehrt.
Meer und Himmel. »London?« frug sie, von der Heimat abgekehrt;
Suchte, blickte, durch des Schiffers ausgestreckte Hand belehrt,
Nach den Küsten, wo die Sonne sich in Abendgluth verzehrt ....
»Gilbert?« fragt die Sarazenin im Gedräng der großen Stadt,
10 Und die Menge lacht und spottet, bis sie dann Erbarmen hat.
Tausend Gilbert gibt’s in London! Doch sie schreitet nimmer matt.
Labe dich mit Trank und Speise! Doch sie wird von Thränen satt.
»Gilbert!« Nichts als Gilbert – weißt du keine andern Worte, nein? –
»Gilbert!« ....Hört, das wird der weiland Pilger Gilbert Becket sein –
15 Den gebräunt in Sklavenketten glüher Wüste Sonnenschein –
Dem die Fessel heimlich löste eines Emirs Töchterlein –
Pilgrim Gilbert Becket! dröhnt es, braust es längs der Themse Strand ...
Sieh, da kommt er ihr entgegen, von des Volkes Mund genannt;
Über sein Schwelle führt er, die das Ziel der Reise fand.
20 Liebe wandert mit zwei Worten gläubig über Meer und Land.





Entstehungsjahr: vor 1878
Erscheinungsjahr: 1877
Fassung: Frühe
Aus: Apparat zur Abteilung VII. der Gedichte
Referenzausgabe:
Hans Zeller, Alfred Zäch: Conrad Ferdinand Meyer. Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe, Bd. 4. Benteli-Verlag: 1975, S. 482.
Andere Fassungen in der Freiburger Anthologie:
Späte Fassung: Mit zwei Worten , entstanden vor 1878

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Bobenhausen.