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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß
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Conrad Ferdinand Meyer

Miltons Wache

In dürftger Kammer herrscht und waltet
Er über seine Genienschaar,
Das Auge todt, die Stirn gefaltet
Erbleicht das ehrengraue Haar.
5 Aus größern Tagen überblieben,
Der Freiheit treu in Kümmerniß,
Singt Milton sein verloren Lieben
In dem verlor’nen Paradies.
Sein Mägdlein rüstet sich zu schreiben
10 Mit Zügen kindlich zart u: rein
Die Wucht der Worte, welche bleiben
Als wären sie gehau’n in Stein.
Und wie der Sänger ohne Grauen
Das Reich der ewgen Qual betritt,
15 Da geht das Mägdlein voll Vertrauen
Getrost durch Höll’ und Himmel mit.
Und er beginnt: »Wenn Nacht gesunken,« –
Das Fenster bebt mit schrillem Klang,
Und Lästerworte gellen trunken
20 Die Gasse vor dem Haus entlang.
Des Königs Günstlinge, die frechen,
Sie sind’s in Siegesübermuth,
Die taumelnd aus den Schenken brechen
Und Fackeln lodern rot wie Blut.
25 »Republikaner, hei, ergreister,
Bei deiner späten Lampe dort
Was wachst du noch? Citirst du Geister?
Sinnst wieder du auf Königsmord?
Wir stürmen ihm das Haus, Gesellen,
30 Und will er unser ledig sein,
Muß er uns auf die Gasse stellen
Sein frisch erblühtes Töchterlein!
Die Scheibe klirrt, aufspringt erschrocken
Das Mägdlein, meint sich schon geraubt,
35 Da fliegt ein Stein den blonden Locken
Vorüber und dem greisen Haupt.
Den blinden Vater will sie decken
Den Bebenden mit Arm u: Leib,
Da spricht der Dichter ohne Schrecken:
40 Nimm deinen Stift, mein Kind, u: schreib.
Er singt: »Wenn dunkel ist die Nacht gesunken
Auf eines jungen Königs Stadt,
Dann schwärmt das Laster nakt u: trunken
Und wird des Frevels nimmer satt.
45 Dann dringen zu den ernsten Thürmen
Empor die Rufe frechen Schalls
Und durch die finstern Gassen stürmen
Die grausen Söhne Belials
So reiht das frevle Thun der Nächte
50 Er in sein ewiges Gedicht,
Wie Gott des Bösen dunkle Mächte
In seinen dunklen Plan verflicht.
Die Banden sind vorbeigezogen,
Auf andre Missethat bedacht,
55 Hoch schwellen des Gesanges Wogen,
Die feierlichen durch die Nacht.





Entstehungsjahr: um 1865
Erscheinungsjahr: 1867
Fassung: Frühe
Aus: Apparat zur Abteilung IX. der Gedichte
Referenzausgabe:
Hans Zeller, Alfred Zäch: Conrad Ferdinand Meyer. Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe, Bd. 5,1. Benteli-Verlag: 1996, S. 365-368.
Andere Fassungen in der Freiburger Anthologie:
Späte Fassung: Miltons Rache , entstanden um 1865

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Bobenhausen.