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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß
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Conrad Ferdinand Meyer

Einer Todten

Wie fühl’ ich heute deine Macht,
Als ob auf ampelhellem Blatte
Sich vor mir deine lange Wimper schatte
Um Mitternacht!
5 Dein Auge sieht
Begierig mein entstehend Lied.
Du neigst mir deine Stirne zu
Und deine Geisterlippen schweigen,
Und liesest du ein Wort, das zart und eigen,
10 So bist es du,
Dein Herzensblut,
Indeß dein Staub im Grabe ruht.
Mir ist, wenn mich dein Athem streift,
Der ich erstarkt an Kampf und Wunden,
15 Als sei’st in deinen stillen Grabesstunden
Auch du gereift
An Liebeskraft,
An Willen und an Leidenschaft.
Die Marmorurne setzten dir
20 Die deinen, um dich zu vergessen,
Sie erbten und sie freiten unterdessen –
Du lebst in mir
Wozu beweint?
Du lebst und fühlst mit mir vereint!





Entstehungsjahr: nach 1872
Erscheinungsjahr: 1876
Fassung: Frühe
Aus: Gedichte / Apparat zur Abteilung V. Liebe
Referenzausgabe:
Hans Zeller, Alfred Zäch: Conrad Ferdinand Meyer. Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe, Bd. 4. Benteli-Verlag: 1975, S. 84.
Andere Fassungen in der Freiburger Anthologie:
Späte Fassung: Einer Toten , entstanden nach 1872

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Bobenhausen.