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Conrad Ferdinand Meyer

Der Hugenot

Wild zuckt der Blitz, der Donner kracht,
Es kämpft ein Reiter mit dem Sturm,
Ein neuer Blitz zerreißt die Nacht
Und grell beleuchtet steht ein Thurm.
5 Der Reiter spornt sein scheues Roß,
Und eine Brücke führt zum Schloß.
Rasch springt er ab und pocht an’s Thor,
Sein Mantel saust im Wind empor.
Er drückt sich in die Stirn den Hut
10 Und hält das Thier am Zügel fest,
Verdoppelt tobt des Sturmes Wuth,
Der kaum den Renner schnaufen läßt
Ein Gitterfenster schimmert schnell,
Dann öffnet sich die Thüre hell,
15 Ein Edelmann im schwarzen Kleid
Erscheint, und Diener steh’n bereit.
Der Reiter ruft: »Des Königs Knecht!
Nach Nîmes eil’ ich als Kourier!
Beherbergt mich, es wettert schlecht,
20 Den Rock des Königs kennet ihr!«
Des Schlosses Herr versetzt: »Mein Gast,
Was kümmert’s mich, welch’ Kleid du hast.
Komm’ an den Herd, tritt in’s Gemach
Und wärme dich, ich folge nach«
25 Ein knisternd Feuer flackert gut;
Der Kriegsknecht tritt an den Kamin,
Und Ahnenbilder von der Glut
Beleuchtet, schauen rings auf ihn,
Der Ritter mit den strengen Brau’n,
30 Im Sammtgewand die Edelfrau’n.
Des Hauses Wappen wiederholt
Sich oft, es ist ein Kreuz in Gold. –
Der Reiter staunt, ihm scheint bekannt,
Der heller stets geword’ne Saal;
35 Scheu blickt er in des Herdes Brand
Und auf das Wappen noch einmal, –
Da tritt mit Sohn und Töchterlein
Der ernste Herr des Hauses ein,
Und spricht zu ihm:»Du rittest weit,
40 Komm zu dem Mahl, es steht bereit.«
Dem fremden Gaste tönt wie Droh’n
Des Wirthes mahnendes Geheiß.
Gerüstet ist die Tafel schon,
Das Linnen schimmert blendend weiß.
45 Erschaudernd wie in Fieberglüh’n
Wirft er auf einen Stuhl sich hin,
Und in die Runde treten sacht,
Die drei in ihrer schwarzen Tracht. –
Es haftet auf dem Fremden bald
50 Der Kinder unverwandter Blick;
Der wünscht sich in den nächt’gen Wald
Und in den finstern Sturm zurück.
Den Becher faßt der wilde Gast
Und füllt, und übergießt ihn fast,
55 Da wehrt der Herr des Hauses: »Nein!
Laß erst das Mahl gesegnet sein.«
Unruhig wird der Knabe jetzt
Und ist zum Vater hingerückt;
Das bleiche Mädchen starrt entsetzt,
60 Als hätt’s ein reißend Thier erblickt.
Den Kindern winkt der Vater: »Still!«
Und weiß nicht, was da werden will –
Der Reiter stammelt: »Ich bin matt, –
Herr, gebt mir eine Lagerstatt.«
65 Er eilt davon mit Ungestüm
Und seine Tritte dröhnen schwer,
Ein alter Diener leuchtet ihm,
Doch mit dem Leuchter zittert er.
Und an der Schwelle wirft zurück
70 Der Reiter einen wilden Blick,
Da sieht den Knaben er empor
Sich heben zu des Vaters Ohr.
Er stürzt erschreckt zum Saal hinaus,
Und alle Sinne sind ihm wirr,
75 Er flöhe gern in Nacht und Graus,
Doch seine Schritte gehen irr,
Und wie ein Trunk’ner folgt er nach
Dem Diener in das Schlafgemach.
Da ist er nun und weiß nicht wie,
80 Er prüft die Thür und riegelt sie.
Fest preßt er mit der Hand die Stirn
Und frägt sich: »Ist es Sinnentrug?«
Da fügt im dämmernden Gehirn
Zum düstern Bild sich Zug an Zug.
85 »In dieser Burg vor einem Jahr
Lagst du mit seiner Reiterschaar,
Wie du die Hugenottenjagd
In den Gebirgen mitgemacht. –
»Wo hat der Junker sich versteckt?
90 Frag ich ein bleiches Frauenbild.
Sie weint und hat mir’s nicht entdeckt,
Die Kinder schrei’n, – ich werde wild, –
Da seh ein Feuer ich verglüh’n,
Da reiß ich sie zum Herde hin,
95 Die Füße hab’ ich ihr gepackt
Und hielt sie in die Gluten nackt.
»Will sich die Kammer mit mir dreh’n?
Bin ich berauscht? Nein! Es ist wahr!
Wer hieß dich hier zu Gaste geh’n,
100 Du blöder Thor! Du blinder Narr!
Hat er nur einen Tropfen Blut,
So rächt er deinen Uebermuth,
Er überfällt dich heute Nacht,
Da liegst du morgen umgebracht.«
105 Wild greift nach Schwert er und Pistol
Und stellt sich an die Thür und lauscht;
Es pfeift der Sturm und ras’t wie toll,
Der Erker bebt, die Diele rauscht;
Und will es einmal stille sein,
110 Da zuckt ein fahler Blitz herein,
Und über seinem Haupte rollt
Der Donner schwer und zürnt und grollt.
Schon weit ist’s über Mitternacht,
Noch immer steht der Reiter da,
115 Und wenn im Haus ein Balken kracht,
Glaubt er den Schritt der Rache nah.
Doch endlich bricht des Sturmes Wuth
Und plätschernd stürzt die Regenflut,
Da schließt sich ihm das Augenlid
120 Und nieder sinkt er bleiern müd.
Er schlummert .... Fackeln in dem Saal,
Ein höllisches Gelächter schallt:
Weib, wo versteckst du den Gemal?
Sprich! oder du bereust es bald!
125 Er zerrt mit widerwill’ger Wuth
Die Füße nieder in die Glut;
Da sprüht die Flamme weit umher
Und wird ein lodernd Feuermeer.
Er krümmt auf feuchtem Lager sich
130 Und er erwacht .... Es ist so still.
Am Himmel steht ein lichter Strich,
Der schon den Tag verkünden will.
Er schleppt sich an das Fenster sacht
Und öffnet und blickt in die Nacht,
135 Es zwitschert in dem nahen Baum
Ein Vögelein, noch halb im Traum.
Die Scholle athmet kräft’gen Duft,
Gebadet ist der Garten ganz,
Es schwimmen Wolken in der Luft
140 Mit einem matten Silberglanz,
Und in dem ersten Dämmerschein
Wie ist die Erde still und rein! –
Da fühlt er dumpf wie sich verwies
Er aus des Friedens Paradies.
145 Rasch klopft es an: »Mach dich bereit!
Bist du bereit? Der Tag bricht ein.
Ich gebe selbst dir das Geleit,
Du solltest schon von hinnen sein.« –
Mit seinem Führer reitet bald
150 Der Kriegsknecht durch den dichten Wald,
Mit Aesten ist der Weg bestreut,
Doch nicht ein Lüftchen regt sich heut.
Der Reiter lauert tückisch scheu
Indem sie rüstig fürder zieh’n,
155 Erstaunt, daß er am Leben sei,
Und fragt sich: »Weiß er, wer ich bin?«
Da deucht ihn halb ergraut das Haar,
Das gestern noch so dunkel war,
Da scheint ihm, wie vom Sturm gebeugt,
160 Der ihm des Waldes Wege zeigt.
Und schon im Felde seh’n den Pflug
Sie in der Morgensonne geh’n,
Da ruft der Reiter: »Herr, genug!
Habt Dank! Auf Nimmerwiederseh’n!
165 Ihr seid ein Mann von weisem Sinn,
Und seht, daß ich des Königs bin,
Des größten Königs in der Welt,
Der meinen Weg im Auge hält!«
Jetzt spricht der Andre feierlich:
170 »Du hieltst in meinem Hause Rast,
Und durch den Wald geleit’ ich dich,
Der du mein Weib gemordet hast!
Ich weiß, daß du des Königs bist,
Der über Alle mächtig ist ....
175 Doch wurde heut sein Dienst mir schwer;
Mein ist die Rache! spricht der Herr.«





Entstehungsjahr: 1862-1863
Erscheinungsjahr: 1864
Fassung: Frühe
Aus: Gedichte / Apparat zur Abteilung IX. Männer
Referenzausgabe:
Hans Zeller, Alfred Zäch: Conrad Ferdinand Meyer. Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe, Bd. 5,1. Benteli-Verlag: 1996, S. 333-338.
Andere Fassungen in der Freiburger Anthologie:
Späte Fassung: Die Füsse im Feuer , entstanden vor 1893

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Bobenhausen.