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Conrad Ferdinand Meyer

Claudia

     In der Wiege schlummert junges Leben,
Eine graue Parze sitzt und spinnt daneben,
     Zieht den Faden, prüft des Fadens Stärke,
Murmelt dunkle Worte zum geheimen Werke:
5      »Kleine Claudia – zum Bankett geladen –
Genienkinder flügeln seh’ ich um den Faden ...
     Junge Claudia, selbst am Rocken spinnend,
Was beträumst errötend, was erwägst du sinnend? ...
     Hochzeitfackeln lodern durch die Gassen,
10 Knaben, stampft den Reigen! Scherzet ausgelassen! ...
     Junger Herrin Hände sind geflügelt,
Einer edlen Herrin Lippen sind gezügelt ...«
     Lächelnd blicken hinter sich die Horen:
Schwestern, schauet! Claudia hat ein Kind geboren! ...
15      Strand und Brücken überschwemmt der Tiber,
Aus den gelben Fluten steigt das bleiche Fieber ...
     »Gebt Geleite! Heut an Märzes Iden!
Gestern ist der Prätor Marc Aemil verschieden!« ...
     Witwenkleider haben strenge Falten!
20 Deinen Sohn zu küssen, sollst du dich enthalten ...
     Helmumflattert, im Gewand der Männer,
Grüßt ein junger Krieger dich herab vom Renner ...
     Aus den Tuben wird der Sieg gerufen,
Leis und schwer und dunkel steigt’s empor die Stufen ...
25      Es sind Viere, tragen eine Bahre,
Drauf der Sohn der Claudia liegt, den Kranz im Haare ...
     Beuge, beuge dich zu seinem Munde!
Küsse deinem Kinde Stirn und Todeswunde« ...
     In der Wiege schlummert junges Leben,
30 Eine graue Parze sitzt und spinnt daneben.





Entstehungsjahr: 1860
Erscheinungsjahr: 1864
Fassung: Andere
Aus: Gedichte / Apparat zu Abteilung VI. Götter
Referenzausgabe:
Hans Zeller, Alfred Zäch: Conrad Ferdinand Meyer. Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe, Bd. 4. Benteli-Verlag: 1975, S. 254.
Andere Fassungen in der Freiburger Anthologie:
Andere Fassung: Der Gesang der Parze , entstanden 1860

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Bobenhausen.