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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Friedrich Hebbel

Requiem

    Seele, vergiß sie nicht,
    Seele, vergiß nicht die Toten!
Sieh, sie umschweben dich,
Schauernd, verlassen,
5 Und in den heiligen Gluten,
Die den Armen die Liebe schürt,
Atmen sie auf und erwarmen
Und genießen zum letztenmal
Ihr verglimmendes Leben.
10     Seele, vergiß sie nicht,
    Seele, vergiß nicht die Toten!
Sieh, sie umschweben dich,
Schauernd, verlassen,
Und wenn du dich erkaltend
15 Ihnen verschließest, erstarren sie
Bis hinein in das Tiefste.
Dann ergreift sie der Sturm der Nacht,
Dem sie, zusammengekrampft in sich,
Trotzten im Schoße der Liebe,
20 Und er jagt sie mit Ungestüm
Durch die unendliche Wüste hin,
Wo nicht Leben mehr ist, nur Kampf
Losgelassener Kräfte
Um erneuertes Sein!
25     Seele, vergiß sie nicht,
    Seele, vergiß nicht die Toten!





Entstehungsjahr: 1840
Erscheinungsjahr: 1857
Aus: Gedichte [Gesamtausgabe 1857] / Lieder
Referenzausgabe:
Hannsludwig Geiger: Fridrich Hebbel. Sämtliche Werke, Bd. 2. Der Tempel-Verlag: 1961, S. 16-17.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.