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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Jakob Michael Reinhold Lenz

Eduard Allwills einziges geistliches Lied
beim Aufstehen, Schlafengehen und bei der Versuchung der Sirenen zu singen

    Wie die Lebensflamme brennt!
Gott, du hast sie angezündet,
Ach, und deine Liebe gönnt
Mir das Glück, das sie empfindet.
5     Aber brenn’ ich ewig nur?
Gott, du siehst den Wunsch der Seele!
Brenn’ ich ewig, ewig nur,
Daß ich andre wärm’, mich quäle?
    Ach, wo brennt sie, himmlisch schön,
10 Die mir wird in meinem Leben,
Was das Glück sei, zu verstehn,
Was du seist, zu kosten geben!
    Bis dahin ist all mein Tun
Ein Gekett von Peinigungen,
15 All mein Glück ein taubes Ruhn,
All mein Dank an dich erzwungen.
    Du erkennst mein Innerstes,
Dieses Herzens heftig Schlagen,
Ich ersticke seine Klagen,
20 Aber Gott, du kennest es.
    Es ist wahr, ich schmeckte schon
Augenblicke voll Entzücken,
Aber Gott! in Augenblicken,
Steht denn da dein ganzer Lohn?
25     Funken waren das von Freuden,
Vögel, die verkündten Land,
Wenn die Seele ihrer Leiden
Höh und Tief nicht mehr verstand.
    Aber gäb es keine Flamme
30 Und betrög uns denn dein Wort,
Sucht’ uns, wie das Kind die Amme,
Einzuschläfern fort und fort?
    Nein, ich schreie – Vater! Retter!
Dieses Herz will ausgefüllt,
35 Will gesättigt sein, zerschmetter
Lieber sonst dein Ebenbild.
    Soll ich ewig harren, streben,
Hoffen und vertraun in Wind?
Nein, ich laß dich nicht, mein Leben,
40 Du beseligst denn dein Kind!





Entstehungsjahr: 1776
Erscheinungsjahr: ?
Aus: Gedichte
Referenzausgabe:
Ernst Lewy: Gesammelte Schriften von Jacob Mich. Reinhold Lenz. In vier Bänden, Bd. 2. Paul Cassirer. Berlin: 1909, S. 1-2.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Bobenhausen.