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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß
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Christian Morgenstern

Der Werwolf

Ein Werwolf eines Nachts entwich
von Weib und Kind und sich begab
an eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn: »Bitte, beuge mich!«
5 Der Dorfschulmeister stieg hinauf
auf seines Blechschilds Messingknauf
und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
geduldig kreuzte vor dem Toten:
»Der Werwolf« – sprach der gute Mann,
10 »des Weswolfs, Genitiv sodann,
dem Wemwolf, Dativ, wie man’s nennt,
den Wenwolf, – damit hat’s ein End’.«
Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,
er rollte seine Augenbälle.
15 »Indessen«, bat er, »füge doch
zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!«
Der Dorfschulmeister aber mußte
gestehn, daß er von ihr nichts wußte.
Zwar Wölfe gäb’s in großer Schar,
20 doch »Wer« gäb’s nur im Singular.
Der Wolf erhob sich tränenblind –
er hatte ja doch Weib und Kind!!
Doch da er kein Gelehrter eben,
so schied er dankend und ergeben.





Entstehungsjahr: 1906-1907
Erscheinungsjahr: 1908
Fassung: Andere
Aus: Galgenlieder nebst dem Gingganz
Referenzausgabe:
Reinhardt Habel (Hg.) / Martin Kiesig (Bd. 1+2) / Maurice Cureau (Bd. 3): Christian Morgenstern. Werke und Briefe. Kommentierte Ausgabe, Bd. 3. Verlag Urachhaus, Stuttgart: 1987ff., S. 87-88.
Bemerkungen
Erstdruck in der 3. Auflage der »Galgenlieder«, 1908
Andere Fassungen in der Freiburger Anthologie:
Frühe Fassung: Der Werwolf und sein Fall , entstanden 1905
Andere Fassung: Der Werwolf , entstanden 1907-1908

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Bobenhausen.