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Eduard Mörike

[Vom Berge, was kommt dort um Mitternacht spät]

    Vom Berge, was kommt dort um Mitternacht spät
Mit Fackeln so prächtig herunter?
Ob das wohl zum Tanze, zum Feste noch geht?
Mit klingen die Lieder so munter.
5                                                 Ach nein!
So sage, was mag es wohl sein?
    Das, was du da siehest, ist Totengeleit,
Und was du da hörest, sind Klagen;
Gewiß einem Könige gilt es zuleid,
10 Doch Geister nur sind’s, die ihn tragen.
                                                Ach wohl!
Sie singen so traurig und hohl.
    Sie schweben hernieder ins Mummelseetal,
Sie haben den See schon betreten,
15 Sie rühren und netzen den Fuß nicht einmal,
Sie schwirren in leisen Gebeten;
                                                O schau!
Am Sarge die glänzende Frau!
    Nun öffnet der See das grünspiegelnde Tor,
20 Gib acht! Nun tauchen sie nieder!
Es schwankt eine lebende Treppe hervor
Und – drunten schon summen die Lieder.
                                                Hörst du?
Sie singen ihn unten zur Ruh.
25     Die Wasser, wie lieblich sie brennen und glühn!
Sie spielen in grünendem Feuer,
Es geisten die Nebel am Ufer dahin,
Zum Meere verzieht sich der Weiher.
                                                Nur still!
30 Ob dort sich nichts rühren will? –
    Es zuckt in der Mitte! O Himmel, ach hilf!
Ich glaube, sie nahen, sie kommen!
Es orgelt im Rohr und es klirret im Schilf;
Nur hurtig, die Flucht nur genommen!
35                                                 Davon!
Sie wittern, sie haschen mich schon!





Entstehungsjahr: 1828
Erscheinungsjahr: 1829
Fassung: Andere
Aus: Maler Nolten
Referenzausgabe:
Gustav Keyßner: Eduard Mörikes Sämtliche Werke. Deutsche Verlags-Anstalt: o. J., S. 219-220.
Andere Fassungen in der Freiburger Anthologie:
Andere Fassung: Die Geister am Mummelsee , entstanden 1828

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Bobenhausen.