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Albrecht von Haller

Morgen-Gedanken
1725

Dieses kleine Gedicht ist das älteste unter denen, die ich der
Erhaltung noch eingermassen würdig gefunden habe.
Es ist auch die Frucht einer einzigen Stunde, und deswegen
auch so unvollkommen, daß ich ein billiges Bedenken
5 getragen habe, es beyzubehalten. Die Kenner
werden deswegen, und in Betracht des unreifen Alters
des Verfassers, es mit schonenden Augen ansehen.
Der Mond verbirget sich, der Nebel grauer Schleier
Deckt Luft und Erde nicht mehr zu;
10 Der Sterne Glanz verschwindt, der Sonne reges Feuer
Stöhrt alle Wesen aus der Ruh.
Der Himmel färbet sich mit Purpur und Saphiren,
Die frühe Morgen-Röthe lacht:
Und vor der Rosen Glanz, die ihre Stirne zieren,
15 Entflieht das blasse Heer der Nacht.
Durchs rothe Morgen-Thor der heitern Sternen-Bühne
Naht das verklärte Licht der Welt;
Die falben Wolken glühn von blitzendem Rubine,
Und brennend Gold bedeckt das Feld.
20 Die Rosen öfnen sich, und spiegeln an der Sonne
Des kühlen Morgens Perlen-Thau;
Der Lilgen Ambra-Dampf belebt, zu unsrer Wonne,
Der zarten Blätter Atlas grau.
Der Wache Feld-Mann eilt mit singen in die Felder,
25 Und treibt vergnügt den schweren Pflug;
Der Vögel rege Schaar erfüllet Luft und Wälder,
Mit ihrer Stimm und frühem Flug.
O Schöpfer! was ich seh, sind deiner Allmacht Werke,
Du bist die Seele der Natur;
30 Der Sterne Lauf und Licht, der Sonne Glanz und Stärke,
Sind deiner Hand Geschöpf und Spur.
Du stekst die Fackel an, die in dem Mond uns leuchtet,
Du giebst den Winden Flügel zu;
Du leyhst der Nacht den Thau, womit sie uns befeuchtet,
35 Du theilst der Sterne Lauf und Ruh.
Du hast der Berge Stoff aus Thon und Staub gedrehet,
Der Schachten Erzt aus Sand geschmelzt;
Du hast das Firmament an seinen Ort erhöhet,
Der Wolken Kleid darum gewelzt.
40 Dem Fisch, der Ströme bläst, und mit dem Schwanze stürmet,
Hast du die Adern ausgehölt;
Du hast den Elephant aus Erden aufgethürmet,
Und seinen Knochen-Berg beseelt.
Des weiten Himmel-Raums saphirene Gewölber
45 Gegründet auf den leeren Ort,
Die algemeine Welt, begränzt nur durch sich selber,
Hob aus dem Nichts Dein einzig Wort.
Doch dreymahl grosser GOtt! es sind erschaffne Seelen
Für deine Thaten viel zu klein;
50 Sie sind unendlich groß, und wer sie will erzählen,
Muß, gleich wie Du, ohn Ende seyn.
O Unbegreiflicher! Ich bleib in meinen Schranken,
Du Sonne blend’st mein schwaches Licht;
Und wem der Himmel selbst sein Wesen hat zu danken,
55 Braucht eines Wurmes Lobspruch nicht.





Entstehungsjahr: 1725
Erscheinungsjahr: 1762
Fassung: Frühe
Referenzausgabe:
Ohne Herausgeber: Versuch Schweizerischer Gedichte. Herbert Lang Verlag, Bern: 1969, S. 1-4.
Andere Fassungen in der Freiburger Anthologie:
Andere Fassung: Morgen-Gedanken , entstanden 1725

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Bobenhausen.