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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Johann Christoph Friedrich von Schiller

Die Worte des Wahns

Drei Worte hört man bedeutungsschwer
    Im Munde der Guten und Besten.
Sie schallen vergeblich, ihr Klang ist leer,
    Sie können nicht helfen und trösten.
5 Verscherzt ist dem Menschen des Lebens Frucht,
So lang' er die Schatten zu haschen sucht.
So lang' er glaubt an die Goldene Zeit,
    Wo das Rechte, das Gute wird siegen, -
Das Rechte, das Gute führt ewig Streit,
10     Nie wird der Feind ihm erliegen,
Und erstickst du ihn nicht in den Lüften frei,
Stets wächst ihm die Kraft auf der Erde neu.
So lang' er glaubt, daß das buhlende Glück
    Sich dem Edeln vereinigen werde.
15 Dem Schlechten folgt es mit Liebesblick,
    Nicht dem Guten gehöret die Erde.
Er ist ein Fremdling, er wandert aus,
Und suchet ein unvergänglich Haus.
So lang' er glaubt, daß dem ird'schen Verstand
20     Die Wahrheit je wird erscheinen,
Ihren Schleier hebt keine sterbliche Hand,
    Wir können nur raten und meinen.
Du kerkerst den Geist in ein tönend Wort,
Doch der freie wandelt im Sturme fort.
25 Drum edle Seele, entreiß dich dem Wahn
    Und den himmlischen Glauben bewahre!
Was kein Ohr vernahm, was die Augen nicht sahn,
    Es ist dennoch, das Schöne, das Wahre!
Es ist nicht draußen, da sucht es der Tor,
30 Es ist in dir, du bringst es ewig hervor.





Entstehungsjahr: 1800
Erscheinungsjahr: 1800
Aus: Gedichte / Erster Teil 1804
Referenzausgabe:
Georg Kurscheidt: Friedrich Schiller. Werke und Briefe, Bd. 1. Deutscher Klassiker Verlag: 1992, S. 171-172.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.