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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Friedrich Hebbel

Der Tod kennt den Weg

Welche Fülle auf den Bäumen!
Welch ein Segen auf der Flur!
Weich bacchantsches Überschäumen
Der verschwendrischen Natur!
5 Lagern kann man jetzt auf Rosen
Und, mit Rebenlaub gekrönt,
Bei den vollen Bechern kosen,
Bis man selbst die Götter höhnt.
Aber unter dieser Bläue,
10 Die man nie noch schöner sah,
Steht der Mensch, der selten scheue,
Stumm und ohne Jubel da:
Keiner leert die Wein-Behälter,
Deren man doch bald bedarf,
15 Keiner tritt und fegt die Kelter,
Keiner macht die Sichel scharf.
Scheltet mir sie nicht! Sie haben
Stets den Spaten in der Hand,
Um die Brüder zu begraben,
20 Die erstickt der Sonnenbrand.
Ihre Zahl wird täglich kleiner,
Weil die Traube doppelt lebt,
Und es bleibt vielleicht nicht einer,
Der im Herbst den Becher hebt.
25 Einer doch! Am Meeresstrande
Ragt gebietrisch-stolz ein Schloß
Hoch herab vom Felsen-Rande,
Überm Haupt ein Palmensproß.
Hinter diesen steilen Mauern,
30 Die noch nie ein Feind bedroht,
Kann man alles überdauern,
Alles, auch den schwarzen Tod.
Auf dem Turme steht ein Wächter,
Dessen Stimme weit erklingt,
35 Auf der Zinne geht ein Fechter,
Dessen Pfeil Verderben bringt:
Jeden Wandrer weist der Späher
Gleich zurück mit lautem Schall,
Kommt er dennoch nah und näher,
40 Bringt ihn flugs der Schütz zum Fall.
Aber unten thront im Saale
Der gefürchtete Baron;
Bei dem funkelnden Pokale
Spricht er allen Schrecken Hohn.
45 »Laßt sie sterben und verderben,
Trifft nur uns kein böser Hauch,
Ich ernenne mich zum Erben,
Wärs der ganzen Erde auch!«
Sein Gemahl, ihm gegenüber,
50 Wird bei dieser Rede bleich,
Auch die Kämmrer blicken trüber,
Doch er trinkt und lacht zugleich.
»Unser Schloß ist, was vor Zeiten
Einst die Arche Noahs war.
55 Ich und du, wir beide schreiten
Bald heraus als letztes Paar.«
Sie erhebt die weißen Hände,
Doch er schenkt sich wieder ein:
»Geht die alte Welt zu Ende,
60 Wird die neue schöner sein.
Jedes Mädchen wird dir gleichen,
Die du aller Krone bist,
Und kein Mann wird mehr erbleichen,
Der aus meinem Blute ist!«
65 Da erschallt ein starkes Dröhnen!
Ja, man pocht am Tor mit Kraft,
Und, wie könnt es sonst so tönen,
Mit dem schwersten Lanzenschaft.
»Ist es möglich, daß der Sklave
70 Auf dem Turm so schläfrig wacht?
Bringt ihn her, daß seine Strafe
Alle andern munter macht!«
In den Augen dunkle Flammen,
Springt er auf und schwingt das Schwert.
75 »Nein, ich hau ihn nicht zusammen -
Schwört er dann - er ists nicht wert!
Selbst soll er vom Turm sich stürzen,
Und vor meinem Angesicht -
Ihm die Todesangst zu kürzen,
80 Wär zu viel für diesen Wicht!«
Und er fliegt die steilen Stufen
Vor dem Diener noch empor,
Der, mit Hast zurückgerufen,
Fast den sichren Tritt verlor.
85 Ungewohnt der Schwindelpfade,
Klimmt die Schwangere ihm nach.
Doch umsonst erfleht sie Gnade,
Ihre Stimme ist zu schwach.
Aber, eh sie selbst die Platte
90 Halb erreichte, kehrt er um,
Und der Blick, der jetzt so matte,
Seiner Augen schreckt sie stumm.
»Ist das Gräßliche geschehen -
Ruft sie wild - so fluch ich dir!«
95 Still, wir müssen weiter gehen,
Denn der schwarze Tod ist hier.





Entstehungsjahr: 1829-1863
Erscheinungsjahr: ?
Aus: Gedichte 1857-1863
Referenzausgabe:
Hannsludwig Geiger: Friedrich Hebbel. Sämtliche Werke, Bd. 2. Der Tempel-Verlag, Berlin / Darstadt: 1961, S. 243-245.
Bemerkungen
Die Entstehungsdaten sind mangels Kommentierung der Ausgabe aus »Fricke et al: Friedrich Hebbel. Werke. 1965« entnommen

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.