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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß
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Georg Heym

Der Tod der Liebenden im Meer

Wir werden schlafen bei den Toten drunten
Im Schattenland. Wir werden einsam wohnen
In ewgem Schlafe in den Tiefen unten
In den verborgnen Städten der Dämonen.
5 Die Einsamkeit wird uns die Lider schließen,
Wir hören nichts in unsrer Hallen Räumen.
Die Fische nur, die durch die Fenster schießen,
Und leisen Wind in den Korallenbäumen.
Des Meeres Seele flüstert an dem Kahn.
10 Des Abends schattige Winde sind die Fergen
Pfadloser Öde, wo der Ozean
Sich weithin türmt zu dunklen Wasserbergen.
In ihren Schluchten schweift ein Kormoran.
Darunter schwankt das Meer hinab zum Grunde.
15 Es dreht sich um. Und aus der glatten Bahn
Ragt Wrack auf Wrack bis tief im Riesenschlunde.
Auf morschen Rahen sitzen die Matrosen.
Gerippe, weiß, die ein der Maelstrom zog.
Zuschauern gleich in der Arena Tosen,
20 So schaun sie in den bodenlosen Trog.
Der Maelstrom wandert nahe an dem Bord
Des Bootes hin. Es schwankt. Es wehrt sich noch.
Da schießt es ab. In weiße Tiefe fort.
Ein Punkt, versinkt es in den Trichters Loch.
25 Wie eine Spinne schließt das Meer den Mund.
Und schillert weiß. Der Horizont nur bebt
Wie eines Adlers Flug, der auf dem Sund
In blauem Abend hoch und einsam schwebt.





Entstehungsjahr: 1910
Erscheinungsjahr: 1964
Fassung: Frühe
Aus: Gedichte aus den Jahren 1910 bis 1912
Referenzausgabe:
Karl Ludwig Schneider / Gunter Martens: Georg Heym. Dichtungen und Schriften. Gesamtausgabe, Bd. 1. Verlag Heinrich Ellermann,: 1922, S. 151-152.
Bemerkungen
Erstdruck in »Der Himmel Trauerspiel«, In: »Dichtungen«, München 1922
Andere Fassungen in der Freiburger Anthologie:
Späte Fassung: Der Tod der Liebenden , entstanden 1910

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.