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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Frank Wedekind

Der Tantenmörder

Ich hab meine Tante geschlachtet,
Meine Tante war alt und schwach;
Ich hatte bei ihr übernachtet
Und grub in den Kisten-Kasten nach.
5 Da fand ich goldene Haufen,
Fand auch an Papieren gar viel
Und hörte die alte Tante schnaufen
Ohn Mitleid und Zartgefühl.
Was nutzt es, daß sie sich noch härme –
10 Nacht war es rings um mich her –
Ich stieß ihr den Dolch in die Därme,
Die Tante schnaufte nicht mehr.
Das Geld war schwer zu tragen,
Viel schwerer die Tante noch.
15 Ich faßte sie bebend am Kragen
Und stieß sie ins tiefe Kellerloch. –
Ich hab meine Tante geschlachtet,
Meine Tante war alt und schwach;
Ihr aber, o Richter, ihr trachtet
20 Meiner blühenden Jugend-Jugend nach.





Entstehungsjahr: vor 1901
Erscheinungsjahr: 1912
Aus: Gedichte / Die vier Jahreszeiten / Winter
Referenzausgabe:
Manfred Hahn: Frank Wedekind. Werke in drei Bänden, Bd. 2. Aufbau-Verlag, Berlin / Weimar: 1969, S. 509.

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.