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Carl Spitteler

Die Glockenjungfern

Die Glockenjungfern schwingen
Sich hoch vom Turm und singen
Von Lieb und Treu den heiligen Chor.
Kein Engelmund tönt reiner,
5 Je ferner, desto feiner,
Und jede sagts der Nachbarin ins Ohr.
Verknüpft die Schwesternhände
Zur Kette ohne Ende,
Blüht durch die Luft der farbige Kranz
10 Hoch über alle Felder,
Und Berg und Tal und Wälder
Verschönt des Liedes sonniger Glanz.
Da mahnt ein Glockenzeichen –
Ein plötzliches Erbleichen,
15 Und alles heimwärts stürzt und drängt.
O weh! der Jungfern kleinste,
Die Lieblichste, die Feinste
Ist von dem Reigen abgesprengt.
Sie huscht auf leisen Sohlen,
20 Die Schwestern einzuholen,
Den Finger ängstlich an dem Mund.
Jetzt langt sie an mit Zagen –
Ein Taubenflügelschlagen –
Und stille wird es rings im Rund.
25 Horch! welch Posaunenschweigen!
Die Lüfte ziehn und steigen
Und schauen nach dem Turm vereint,
Ob irgendwo ein Röckchen,
Ein Zipfel oder Söckchen
30 Der Glockenjungfern hold erscheint.





Entstehungsjahr: 1893
Erscheinungsjahr: 1906
Fassung: Frühe
Aus: Glockenlieder
Referenzausgabe:
Gottfried Bohnenblust / Wilhelm Altwegg / Robert Faesi: Carl Spitteler. Gesammelte Werke, Bd. 10,1. Artemis-Verlag, Zürich / Stuttgart: 1945ff., S. 698-699.
Bemerkungen
Zwischen 1893, dem Entstehungjahr dieser frühen Fassung, und 1905, dem Entstehungsjahr der späten Fassung, hat der Autor eine Vielzahl von Texterweiterungen und -streichungen vorgenommen.
Andere Fassungen in der Freiburger Anthologie:
Späte Fassung: Die Glockenjungfern , entstanden 1905

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.