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Gedicht in Druckansicht: schwarz/weiß

Friedrich Hebbel

Das Kind am Brunnen

Frau Amme, Frau Amme, das Kind ist erwacht!
Doch die liegt ruhig im Schlafe.
Die Vöglein zwitschern, die Sonne lacht,
Am Hügel weiden die Schafe.
5 Frau Amme, Frau Amme, das Kind steht auf,
Es wagt sich weiter und weiter!
Hinab zum Brunnen nimmt es den Lauf,
Da stehen Blumen und Kräuter.
Frau Amme, Frau Amme, der Brunnen ist tief,
10 Sie schläft, als läge sie drinnen!
Das Kind läuft schnell, wie es nie noch lief,
Die Blumen lockens von hinnen.
Nun steht es am Brunnen, nun ist es am Ziel,
Nun pflückt es die Blumen sich munter,
15 Doch bald ermüdet das reizende Spiel,
Da schauts in die Tiefe hinunter,
Und unten erblickt es ein holdes Gesicht,
Mit Augen so hell und so süße.
Es ist sein eignes, das weiß es noch nicht,
20 Viel stumme, freundliche Grüße!
Das Kindlein winkt, der Schatten geschwind
Winkt aus der Tiefe ihm wieder.
Herauf! Herauf! so meints das Kind;
Der Schatten: Hernieder! Hernieder!
25 Schon beugt es sich über den Brunnenrand.
Frau Amme, du schläfst noch immer!
Da fallen die Blumen ihm aus der Hand
Und trüben den lockenden Schimmer.
Verschwunden ist sie, die süße Gestalt,
30 Verschluckt von der hüpfenden Welle;
Das Kind durchschauerts fremd und kalt,
Und schnell enteilt es der Stelle.





Entstehungsjahr: 1829-1863
Erscheinungsjahr: 1957
Aus: Gedichte [Gesamtausgabe 1857] / Balladen und Verwandtes
Referenzausgabe:
Hannsludwig Geiger: Friedrich Hebbel. Sämtliche Werke, Bd. 2. Der Tempel-Verlag, Berlin / Darstadt: 1961, S. 45-46.
Bemerkungen
Die Entstehungsdaten sind mangels Kommentierung der Ausgabe aus »Fricke et al: Friedrich Hebbel. Werke. 1965« entnommen

Gedicht eingearbeitet von: Klemens Wolber.